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Tomaten gegen Mücken

10. September 2013

Letztes Wochenende sirrte und schwirrte es in meinem ganzen Haus. Nicht einmal auf dem Klo hatte man seine Ruhe.
Aber lassen Sie mich ein paar Worte zur Rahmenhandlung verlieren!

Am Abend vor der Abreise in den Urlaub langte mein Pubertikel so tief in seine Peilo-Kiste, dass meinem Mann der Kragen platze und er des Teenies Smartphone kassierte.
Mein Pubi war schockiert.
„Wat soll ich jetzt die ganze Zeit machen?? Ich langweil mich doch zu Tode!“
„Interessiert mich nicht“
, sagte mein Mann, „kannst lesen.“

Sie werden es nicht glauben: Mein Pubertikel las tatsächlich! Den ganzen Urlaub lang. Kaum stieg er aus dem Wasser, haute er sich tropfend in eine Ecke und deckte sich mit Buchstaben zu. Einen Thriller nach dem anderen schaufelte er in sein jugendliches Köpfchen. Da er redselig ist, weiß ich jetzt alles über menschliche Verderbtheit und ich werd‘ den Teufel tun und noch einmal ohne Mikrofasertuch in eine Kneipe gehen. (Ich will da nicht putzen! Mensch, wegen der Fingerabdrücke!)

Die Reise beendet, die Familie zurück im Heim: Der Pubi fröhnt weiter dem Leserausch. Samstag in der Dämmerung – ich war mit Klarschiffmachen nach einem ausführlichen Grillmahl beschäftigt – plötzlich eine gewaltige Erschütterung.
Das Geflügel springt mich an: „HILFE, MAMA, EIN ERDBEBEN!“ Sie hängt so unvermittelt an meinem Arm, dass Grillsauce vom Tellerstapel suppt.
„WAS HAST DU ANGESTELLT??“, brülle ich ins obere Stockwerk.
„Nix. Hab mir nur ein neues Buch geholt.“
„Und dabei ist das Bücherregal umgefallen?? “
„Nö. Ich bin von deinem Bett gesprungen.“
Das Geflügel verleiert die Augen und steigt von mir runter.

Eine Viertelstunde später habe ich das mit der Mülltrennung in der Küche beendet und will das kleine Mädchen ins Bett stecken. Die Nacht ist pechschwarz und windstill. Wir steigen die Treppe rauf und kehren im Bad ein. Über der Putzerei vergeht eine weitere Viertelstunde. Es kommt mir komisch vor, dass so viel Viehzeug rumflattert, aber Badezimmerfenster ist ja geschlossen. Muss am nahenden Herbst liegen.

Als ich endlich oben um die Ecke biege, trifft mich fast der Schlag!
Alle Lichter an!
Das Fenster sperrangelweit offen!
Die Scheibe zitterte, als ich das Fenster zuschmiss und:
„WAS IST DENN HIER LOS??“, brüllte.
Gemächlich kommt mein Pubi angetrottet, ein Buch vorm Kopf: „Du hast geläutet, Mutter?“
„Ich helf dir gleich!“, herrsche ich den Kerl an. „Was reißt du nachts das Fenster auf??“
„War warm, wollt ich lüften …“ Er unterbricht sich und wedelt kräftig mit dem Buch. „EY, DU KACKVIECH, HAU AB!“
Das behaarte Flattertier versteht’s und eiert ins Treppenhaus – die Messingamphore auf der Heizung kriegt sich wieder ein.
„Und das Licht?“, frage ich weiter.
„Welches Licht?“
„MAMA, BEI MIR SIND MÜCKEN!“, ruft das Geflügel dazwischen. „An der Wand sitzen welche und eine auf meinem Kopfkissen!“
Der Pubi: „Bei mir sind die auch! Wo kommen die scheiß Viecher heute her?“
Ich stöhne …
„Hol mir die Fliegenklatsche!“, befehle ich dem Pubi.
„Weiß nicht, wo die ist.“
„Boah, Junge, ich auch nicht!“
Geflügel: „HIER SIND NOCH MEHR MÜCKEN!“

Hilft nix, müssen wir das klassisch erledigen: Festbeleuchtung an, aus dem Hinterhalt anschleichen, draufhauen. Eben justiere ich den erste Vampir im Fadenkreuz, hole aus – hüpft hinter mir der Pubi: „Alda, flatter gefälligst einem anderen gegen den Kopp! Hier steh ich!“
Mücke weg.

„Ich will einen Tomatenstrauch …!“, jammert mein Geflügel
Der Pubi beschwert sich: „In so ner Situation denkt die an’s Essen …“
„Denk ich gar nicht!“, protestiert das Geflügel. „Wenn ich bei Oma bin, stellt sie mir immer einen abgebrochenen Tomatenzweig ans Bett. Mücken mögen das nicht riechen und sie beißen mich nicht!“
„Stechen!“, verbessert der Pubi. „Die Mücken stechen dich und saugen dein Blut.“
„Sollen die aber nicht!“ Jetzt weint das Kleine fast.

Irgendwie hat es mir da gelangt, da habe ich meinen Mann geholt.

Nach dem achtzehnten zermalmten Viech hörte er auf zu zählen. In den nächsten Tagen bin ich beschäftigt: Kadaver streicheln.

IMG_2781

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From → Aus dem Clan

57 Kommentare
  1. Geranium robertianium mit dem wohlkingenden englischen Namen „Death come quickly“ wird auch vorbeugende Wirkung gegen Mückenbefall zugeschrieben. Seit dem ich das zufällig heraus gefunden habe, sehen wir die Verbreitung im Garten mit ganz anderen Augen.

    • Das habe ich jetzt erst mal gegoogelt! 😀
      Bei mir wächst das gar nicht … – aber wenn’s kommt, heiße ich es willkommen! 🙂

      • Das wächst überall und von selbst. Ist der gemeine Storchenschnabel. Wir dachten ‚gemein‘ deshalb, weil er so stinkt. Stimmt aber gar nicht, es ist keine Züchtung (von denen es im Handel viele gibt). Auf den englische Namen bin ich zufällig gestoßen …

      • Ich warte einfach ab, lange kann es nicht dauern, bis sich das bei uns ansiedelt! 😀

    • kannze das geflügel bitte nochmal explizit nachfragen? stimmt das mit dem tomatenzweig?? ich find ja auch daß die viiiiiel schlechter riechen als schmecken … und ich hab so viele tolle auf der terrasse, da tät ich gerne welche von ins haus … wann’s huift

      • Logich funzt das!
        Ich erzähl doch keinen Schmuh! 🙂
        Absolut witzfrei: Schneidest was von einem Strauch ab, stellst es in die Vase und dann an’s Kopfende. Am Morgen hast genau so viel Blut intus wie beim Ablegen. 🙂

    • siehst Du das nur im garten oder zerreibst Du es auch im haus, oct?

      • Das hat sich rund ums Haus angesiedelt, und sieht schön aus. Ist so ein Bodendecker, der sich auch so verhält. Seit dem ich den Artikel im englischen Wikipedia gefunden habe, freut es mich um so mehr.
        Vom Zerreiben und ins Haus tragen würde ich abraten 🙂

      • Weils dann dort auch anwurzelt 😀

  2. christophkrelle permalink

    Das nenne ich Klimawandel. Die kleinen Tierchen schlafen schön zugedeckt im Bett und Unsereiner muss draußen im Freien nächtigen. 😉

  3. Es sind bei den Mücken nur die Weibchen(!), die Blut saugen wollen. Also biddeschön nicht einfach alle erschlagen. Erst fragen, dann schlagen!

  4. Inzwischen müsste das erfundene Gesellschaftsspiel „Mückenjagd“ auch schon wieder out of topic sein. Schade eigentlich, dass es nur so kurz aktuell war *ich renne schon weg!“

  5. Die Wissenschaft behauptet ja, Mücken kämen nicht zum Licht.
    Ich behaupte, diesen Wissenschaftlern fehlt das Licht. In der Birne…
    Ihr habt’s bewiesen! 🙂

  6. Und alles nur weil er das Licht zum Lesen einschalten musste…. Hätte er sein Smartphone gehabt, wäre kein Licht nötig gewesen und das Fenster hätte problemlos offen bleiben können… 🙂

  7. Das Foto ist super – wär doch hübsch als Wallpaper 😉

  8. hihi, liest sich fast wie ein Krimi 😉

  9. lol, das Mückengeräusch aus dem Link hat multiple Gefühle bei mir ausgelöst und mich sofort in äußerste Wachsamkeit versetzt 🙂

  10. Am besten gefällt mir der Teil mit dem Lesen der Bücher…irgendwie beruhigt es doch, dass die kids von heute noch für echte Bücher zu haben sind. Gratulation an euch Eltern, da habt ihr wohl was richtig gemacht 🙂

  11. „Interessiert mich nicht“, sagte mein Mann, „kannst lesen.“
    Wunderbar! Mit deinem Mann würde ich auch gern Kinder erziehen. Also rein theoretisch-hypothetisch :D. Empathisch, wertschätzend und klar. Das schafft Orientierung. Ich mag den.

    • Das erzähl ich ihm nachher, da wird er sich total freuen! 😀 Er beschwert sich nämlich häufig, er käme schlecht weg. (Wo ich mich immer frage, was er hat …)

  12. Tomatenstengel, echt jetzt? Die knicken und dann ist es gut?
    Wäre ja der Hammer überhaupt.

  13. Stimmt mit den Tomatendingern.
    Leider hatte ich in Kroatien keinen Zugriff auf Tomatenstengeln, deshalb musste Raid hier, das half auch. Trotz kein Licht waren da GElsen.

    Ich finde klasse dass dein Sohn liest, wirst sehen irgendwann braucht er kein Smartphone mehr sondern ihr investiert Millionen in Bücher, es sei denn es gibt eine gut sortierte Bücherei.

  14. so richtig schön zu lesen – lesen wohlgemerkt 😉 😉
    Liebe Grüße
    Barbara

  15. Übrigens: Auch Wein kann man lesen.

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