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Ungerngesehener Gast

10. Oktober 2013

Am Tag der Einheit entbot ich meiner Meersau den Morgengruß ein paar Stunden später als gewöhnlich, war ja schließlich Feiertag. So kam es, dass Eddy mir fast den Finger abbiss, als es endlich was Ausgefallenes zu spachteln gab. Just in dem Moment, als ich zu ihm sage: „Sei nicht so verfressen, nimm dir ein Beispiel, ich habe auch noch keinen Kaffee!“, stürzt hinter mir ein grauer Sack auf die Terrasse.

Spornstreichs feuert das kleine Schwein eine Ladung Sägespäne auf meinen Pullover, lässt Pfirsich Pfirsich sein und flitzt in seine Bude.

Schmeißt mein Pubertikel etwa oben sein Bettzeug aus dem Fenster??!
Was meinen Sie, wie schnell ich auf den Beinen war!
„Ich mach dich rund, Bürschchen!“ Will die Terrassentür aufreißen, hab‘ den Griff schon in der Hand – guck‘ ich in zwei aufwändig gestaltete Knopfäuglein!

Das Bettzeug ist ein Fischreiher!

Und was für ein Rieseneumel!

„Meine Kamera, hat die wer gesehen?“ Ich traue mich nicht zu bewegen, will ihn nicht verjagen. So frontal vor den Kopf habe ich noch keinem geguckt.
Meine Leute reagieren nicht, sie gehen weiter ihrem Tagwerk nach.

„Der Fischreiher besucht uns!“, versuche ich es erneut und deutlich leiser.
„Wo?“ Mein Geflügel kommt polternd angeflattert, mein Mann bewegt sich vorsichtiger.
„Was will er denn?“ Das Geflügel ist ganz hektisch. „Der soll unsere Fische in Ruhe lassen!“

„Für ein gescheites Foto opfern wir einen“, sage ich zu meinem Mann. „Was meinst du?“
Mein Mann nickt und legt den Finger auf den Mund.
„Wer wird geopfert??“ Mein Geflügel zittert.
Mein Mann sieht mich böse an und bringt sich mit der Kamera hinter einem Zimmerbusch in Stellung.

„Wir machen es so …“ Ich nehme die kleine Geflügelmaid auf den Arm: „Normalerweise sind Fischreiher sehr schreckhaft. Der hier scheint nicht so viel Angst zu fühlen.“ Demonstrativ wendet sich das Reiherviech ab und stakst gemächlich zum Wasser. „Wir beobachten und fotografieren so lange, bis er zuschnappen will. Dann klopfen wir fix gegen die Scheibe!“
„Und der frisst keinen unserer Fische??“
„Nein, keinen!“
Mein Mann knurrt hinter seinem Busch.

Habe ich zurück geknurrt, weil er muss ganz ruhig sein! Heiligabend sah er zu, wie so ein Reiher den vorletzten unserer erwachsenen Fische runterwürgte. Mehrere Minuten brauchte der Goldfisch, als dicke Beule den schlanken Reiherhals zu passieren. Genug Zeit, um Fotos zu schießen!

„Was ist das denn für ein Fettsack?!“ Plötzlich der mit-ohne Bettzeug hinter mir. „Der ist aber größer als normal!“

„Woher willst du Blitzbirne das denn wissen?“

„Graureiher, landläufig Fischreiher genannt, werden nur 90 – 98 cm lang und wiegen 1 bis 2 kg … Der da draußen ist größer, offensichtlich frisst der mehr als andere!“, kriege ich eine fundierte Antwort.

„Wir könnten ihm Vogelfutter hinstreuen …“ Mein Geflügelchen fängt wieder an zu schlottern.

„Der frisst nur Fisch und Frosch und manchmal noch ne Feldermaus. Fische haben wir genug. Stell mal das Gequirle im Teich vor, wenn der im Winter nicht täglich vorbei käme …“ Mein Pubi deutet eine Würgbewegung am Hals an und mein Geflügel plärrt los.

„Was hab ich denn jetzt schon wieder gemacht??“ Empört boxt er mir auf den Arm.

„Schon gut …“ Ich winke ab.

„Ruhe!“, meinem Mann langt es. „Wer hat eigentlich diesen scheiß Eimer da hinten stehen gelassen?“

Der Reiher hat mittlerweile zwischen dem Gesträuch eine Einstiegsstelle gefunden. Genau vor dem schwarzen Eimer, den ich nach dem Algenabfischen vergessen habe. Mir wäre das mit dem Eimerhintergrund ja egal, aber mein Mann ist eben ein Ästhet. Er verlässt seinen Beobachtungsbusch und sucht nach einer besseren Position.

Das Viech, derweil nicht faul, ist im Wasser angekommen, macht sich lang wie ein Pfeil und – sticht zu. Ich haue mit der Hand gegen die Scheibe! Ein halbwüchsiger Goldfisch zappelt quer im Reiherschnabel, ein kurzer Schlenkerer mit dem Kopf: Weg ist der Fisch.

Der Reiher guckt verklärt und stört sich nicht an meinem Klopfen. Ich reiße die Terrassentüre auf, er nickt mir aufmunternd zu und rauscht ab.

Mein Geflügel schnappt nach Luft. „Könnt ihr euch vorstellen, wie traurig jetzt die Mama von dem Kleinen ist??“

Der Pubi hinter mir sprachlos ob des Fressspektakels: „Boah, das nehm ich als Profilfoto! Vatter, lass ma sehen!!“ So schnell kann keiner von uns blinzeln, wie er meinem Mann die Kamera aus der Hand dreht.

„Und??“ Mein Mann und ich gieren nach grandiosen Reiherfotos.

„Ich sach ma so …“, der Pubi grient unverschämt. „Viel Schaden für Gestrüppfotografie!“ Er gibt meinem Mann die Kamera zurück: „Aber, grämt euch nicht, Leute, Reiher werden bis zu fünfunddreißig Jahren alt. Der kommt wieder!“

IMG_3662

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From → Kolumnen

72 Kommentare
  1. Na immerhin: Er guckt in die Kamera – scheu oder nicht!

  2. …und Gemetzel ist auch keins drauf! ;-)

  3. Huch- ich dachte zuerst das sei eine Schlange :)

  4. Kennt er denn nicht den Veggie- Day?

  5. Ich find ja deinen Pubertisten super. Würde den gern mal in Originalton hören. Jedenfalls.
    Ich amüsier‘ mich köstlich.

  6. ich bin ja froh, dass der reiher keine meersäuen frißt, denn dann…. nicht auszudenken…

    • danke daniela, in der richtung hatte ich auch als erstes spekuliert :)
      KLASSEfoto, normal kann jede(r), so’n halsvollSchmalz mit ohne fischen muß man erst mal hinbekommen. wart mal bis irgendwo ein tierfotowettbewerb ansteht, damit gewinnste!

      • Mädels, ich helf euch gleich! :-D
        Das erkläre ich auch regelmäßig einer teuren Katze aus der Nachbarschaft, dass Eddy nicht zum Essen ist!

        Foto ist spitze, stimmt. Geb das Kompliment an meinen Mann weiter. ;-)

  7. Klasse Story! Und Ihr müsst unbedingt in einem Fachblatt veröffentlichen! Ein Graureiher, der Fledermäuse frisst ist eine echte Sensation!

    • Oh – ich hätte vorher noch gar nicht in die Kommentare geschaut…
      Ich will Gemetzel! :-)
      Ich mag schließlich auch Fisch!
      „Wanda in den Schlund!“ :lol:

    • … der frisst keine Fledermäuse??
      Hat der Pubi Schmuh erzählt?
      Hat er so selbstsicher referiert, hab nicht einen Augenblick gezweifelt. Ich google das jetzt!

      • Hihi – man Stelle sich das vor!
        Der Graureiher düst pfeilschnell hinter einer Fledermaus her! Blitzartig vermeidet er es Baumwipfel zu streifen, als die Fledermaus ihn zwischen den Ästen abhängen will. Die Dunkelheit stört ihn nicht, denn er sieht sprichwörtlich so gut wie ein Graureiher! (:lol:) Mit einer wendigen Schraubendrehung seines Körpers und durch Anlegen der Flügel stürzt er sich auf die Hufeisennase und…
        brrrrrrr…steckt vibrierend mit dem spitzen Schnabel in dem Stamm einer Birke…
        Deshalb sieht man an der Mecklenburgischen Seenplatte so viele dieser kühnen Luftjäger in Baumstämmen feststecken!

        Manche haben jedoch gelernt sich eher auf Fische und Wasserratten zu spezialisieren… Hundebesitzer – passt auf Eure Yorkshire-Terrier und Chihuahuas auf!
        :-D

      • Mensch … du hast Recht!
        Na, den nehm ich mir vor, wenn er heim kommt!

  8. Das war ja wirklich ein sehr höflicher Reiher, der zuerst seine Aufwartung auf der Terrasse macht, um alle zu begrüßen und sein direkt bevorstehendes Mal anzukündigen. – Er wusste ja nicht, dass alle sofort in ein Foto-Wahn-Fieber verfallen ob seiner beabsichtigten Schling- & Schlundorgie. – Durfte er wirklich nur einen fressen – der Arme :-)

  9. Echt cool!
    Bei mir trauen sich nur Tauben auf die Terrasse und kleine schwarze Krebse in die Nähe meiner Tochter!
    so einen schönen Vogel hätt ich auch mal gern.
    Tolle Geschichte Anke!

  10. Man kann ihn immerhin erkennen, grins.
    Aber die Spannung war groß und nachzuempfinden.

  11. ein Suchbild ;) und ein so fein erzogener Pubi, der immer brav die Wahrheit spricht :)

  12. Ich finde, dass das ein sehr höflicher Reiher ist. Guckt da so freundlich hinterm Busch vor.

  13. Mimi Sommi permalink

    Wow, tolles Foto! Echt süß, wie der da so vom hinter’m Busch herlugt :D

  14. Toller Text, schöner Eimer und der Vogel stört auch kaum ;-) Und gelernt habe ich, das Goldfische im Garten nicht ein Zeichen für die chinesische Mafia sind, sondern durchaus ein Nahrungsangebot für Durchreisende. Und ich glaube, Dein Sohn hat es schwer mit Dir …

  15. Tolle Dialogschreibe – wo gelernt? Oder Naturtalent? Uiiiiiiiiiiihhhh.

  16. Ach, dieses Biest kenne ich doch! Das muss Derselbe sein, der meinen namenlosen Plastikfisch wiederholt auf dem Gewissen hatte :-)

  17. Und Luigi regt sich über Tauben auf der Terrasse auf… Pfff…

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