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Das gleiche im selben Theater

16. Oktober 2013

Ich gehe ja immer gerne ins Kasperletheater. Einerseits weil mich das an daheim erinnert, andererseits der Kinder wegen. Alle Herbste wieder reist ein süddeutsches Puppentheater zu uns nach Mülheim. Kasperls schlagen auf der Wiese ein Zelt auf, Bühnenbild in eine Ecke, weiße Plastikstühle davor (solche, wo man nicht kippeln darf) und los geht es.

Mein Geflügelmädchen und ich schneien eine Viertelstunde vor Anpfiff ins Zelt und kommen in Reihe 8 von 10 zu sitzen. Es ist Familientag und zwei dick verpackte Erwachsene zählen auf ein Kind. Wegen der zu befürchtenden Haltungsschäden sitzen die Ausgewachsenen aufrecht, der Herr vor mir behält gleich noch den Hut auf. Seine Frau beginnt zu schwitzen, stellt den Daunenkragen hoch und öffnet die Jacke weit, damit Luft ran kommt.
Ich frage mein Geflügelchen: „Kannst du sehen, oder soll ich dich auf den Schoß nehmen?“
„Ich seh genug – wenn ich auf deinem Schoß sitze, sieht der Junge hinter mir nichts.“

Der Herr mit Hut nimmt unterdessen sein goldlockiges Enkelkind auf den Arm und die Oma mit dem Daunenkragen schmiegt sich an die beiden. Daraufhin tauschen Geflügelchen und ich die Plätze.

Ein Gong ertönt, der Titel wird durchgesagt: „Kasperle und das Gespenst“
Hinter mir stöhnt eine Frau: „Das hatten die doch letztes Jahr schon …“
Ihre Freundin regt das mehr auf: „Voll der Beschiss! Ich geh denen gleich sagen, dass wir das schon gesehen haben!“

Vorhang ratscht auf, erstes Bühnenbild: Schlosspark.
Die Frau: „Ist das das Schloss vom letzten Jahr?“
Die Freundin: „Natürlich! Wirst sehen, gleich kommt Kasperle!“
Der Junge auf ihrem Schoss. „Mama, Kasperletheater beginnt immer mit Kasperle.“
„Psscht!“, macht die Freundin.

Nach Kasperle hüpft die Prinzessin auf die Bühne.
Die Freundin zur Frau: „Siehst du, gleiche rotbackige Prinzessin wie letztes Jahr.“
Der Junge: „Prinzessinnen sind immer rotbackig.“
Doppeltes „Pssscht!“ der Frau und der Freundin.

Die Prinzessin beschwert sich, dass sie seit ihrem Urlaub nicht schlafen könne. Die Frau: „Ja, ja, das wissen wir noch.“

Vorhang wogt zu, Ende 1. Akt.
Der Junge: „Kommt noch eine Folge?“
Die Freundin: „Was meinst du, was das gekostet hat! Wir bleiben bis heute Abend!“

Im nächsten Akt verbringt Kasperl die Nacht erst mal bei der Prinzessin. Tief sägend hält er Ausschau nach dem Gespenst.
Der Junge: „Kasperle schnarcht so laut wie dein neuer Freund.“

Das Gespenst taucht auf und haut Kasperle mit einem Knüppel auf den Ratzkopf.
In der Reihe neben uns beißt ein kleines Mädchen zitternd in den Pferdeschwanz seiner Mutter.
Kasperle schnippt aus dem Schlaf, zerrt dem Gespenst das Bettlaken von der Rübe – steckt der Räuber darunter.
Das kleine Mädchen neben uns brüllt: „ICH WILL SOFORT HIER RAUS!“
Die Frau hinter mir: „Haben wir das jetzt letztes Jahr gesehen oder nicht? Ich mein, letztes Jahr war die Hexe drunter …“
Die Freundin: „Keine Ahnung, ich kann mich nicht erinnern …“
Das kleine Mädchen und die Mutter in unserer Reihe gehen.
Der Junge: „Voll spannende Folge.“

Eine der beiden Grazien hinter uns bekommt eine Whatsapp-Nachricht. Sie hat die Brille nicht dabei, deshalb liest die andere vor. Meine Herren, da bin ich aber rot geworden.

Das Bühnenbild wechselt wieder, diesmal sind wir im Wald beim Teufel. Die Nebelmaschine spuckt und in der ersten Reihe bricht ein Tumult aus: „DER WALD BRENNT! KASPERLE, ES BREEEEEENNT!!“
An mehreren Stellen vor uns springen Mütter auf und bleiben so lange stehen, bis in der ersten Reihe Ruhe einkehrt. Der Akt ist zu Ende – Zuckerwattepause.

„Worum geht’s eigentlich?“ Die Frau hinter mir. „Ich bin irgendwie abgelenkt.“
„Ist doch egal“, antwortet die Freudin, „haben wir doch schon gesehen.“

„Kann ich Zuckerwatte?“, fragt der Junge.
Kein Verb – und nun? Zum Glück wissen Mütter immer Rat:
„Nein, Zuckerwatte schmeckt nur nach Zucker. Das ist ungesund!“

Vorhang zum letzten Akt surrt auf: Das Krokodil schenkt Kasperle einen leuchtenden Zauberstab.
Die Freundin hinter mir: „Siehste, ich wusste doch, dass wir das schon gesehen haben! Derselbe Glitzerstab wie im letzten Jahr!“
Plötzlich fällt ein Schatten auf mich – der Herr mit Hut ist irgendwie gewachsen. Er setzt Goldlöckchen auf Daunenkragens Schoß und dreht sich um:
„Der Gleiche!“, knurrt er mich an. „D-e-r  G-l-e-i-c-h-e !“

Als das Schauspiel vorbei ist, wird hinter mir Resumee gezogen:
„Nächstes Jahr sparen wir uns das Geld. Dreimal guck ich mir das nicht an!“

Kasperle

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From → Kolumnen

60 Kommentare
  1. Pauline permalink

    Die Erwachsenen müßten meiner Meinung nach auf den hinteren Plätzen sitzen, damit die Kinder erstens Alle was sehen können und zweitens, sich richtig schön gruseln können. Das ist doch Sinn und Zweck vom Kasperle-Theater, oder nicht? Die zwei Grazien hinter Dir hätte ich etwas undiplomatisch angequatscht, dass sie ihre Meinung für sich behalten sollen! GLG von der Pauline 😀 ♥

    • Ist schwierig, weil zum Beispiel meine auch nie allein sitzen mag.
      Jedoch Kind in Reihe 1 platzieren und sich selber in Reihe 3 auftürmen … 😉

      • Pauline permalink

        Aber es ist schon schade, wenn die kleinen Menschen durch das blöde Rein-Gequatsche der Großen von Kasperle abgelenkt werden! Finde ich nun mal. Und Rücksicht der großen Menschen auf die kleinen Menschen sollte schon gegeben sein. LG von der Pauline 😀 ♥

      • Aber sowas von! ❤

      • Pauline permalink

        Kasperle-Theater zu Hause von Papa, Mama oder den älteren Geschwistern gespielt, dazu noch ein, zwei kleine Menschenfreunde, das ist doch noch am schönsten, so habe ich es immer empfunden! GLG von der Pauline 😀 ♥

      • Das stimmt, das ist wunderbar! 🙂

  2. Joerg Gross permalink

    Lustig das 🙂

  3. Vielleicht solltest du beim nächsten Besuch deinen Stuhl nach hinten drehen, damit du das „Theater“ in den Reihen hinter dir besser beobachten kannst. Das wäre vielleicht interessanter als das Bühnengeschehen 🙂 – Ich habe vor endlos langen Jahren auch für meine Kinder gekasperlt.

  4. Warum wurdest denn du angeknurrt und dann auch noch mit einer falschen Aussage, denn wenn es tatsächlich der Stab aus dem letzten Jahr war, dann ist es doch derselbe…schon komisch. Es ist aber echt traurig, dass es gerade Erwachsenen an Anstand fehlt, solch eine Veranstaltung stillschweigend zu genießen. Vor einiger Zeit saß ich mal in einem Zelt in dem eine ältere Dame Geschichten erzählte und sie stellte die klaren Regeln auf, dass es ruhig sein sollte und niemand das Zelt während einer Geschichte verlässt. Ich fand es irritierend, dass man solche Regeln aussprechen muss, aber es hat gewirkt und man konnte tatsächlich auch in die Geschichten eintauchen.

  5. den müttern wäre ein gutes hörbuch zu empfehlen. zudem müssten sie wissen dass kinder alles doppelt, dreifach und mehrfach sehen und hören können, wenn sie es mögen.
    und ihnen wird nie langweilig, das kenn ich noch von mir und frage mich wie man das ausgehalten hat… 😉
    aber sie tun es und haben spass daran! 🙂 wenn sie nicht derartige begleitung haben.

    liebe grüsse
    d.

  6. Da wäre ich auch gern dabeigewesen.
    Ansonsten kann ich da Daniela nur zustimmen, die lieben Kinderleins mögen immer dasselbe sehen oder zumindest öfter als wir Erwachsenen.

    Ich sollte wieder mal zum Kasperl gehen, nur wo nehm ich ein Begleitkind hier? seufz

    • Ich geb dir meines mit, das freut sich!

      • Jo, schickse mir vorbei die süße Maus, ich back dann auch Hörnchen mit ihr 🙂 Nachn Kasperle!

      • SUPER!!
        Backen, kochen, alles was du willst – und ich nicht gern mach. 😀

      • haha gggg
        Weißt du was für mich der Horror war?
        Wenn meine Mädels damals vor ziiiiiiiiiig Jahren in den Zirkus wollten.
        Ich konnte das gsd immer an Omas und Opas delegieren, mich bringt man schon seit KInd in keinen Zirkus, meinen Mann auch nicht.

        Magst du Zirkus? Und die Kleine?

  7. Vergessen: Grandioses Bild!

  8. Manchmal sollte man das Krokodil erst durch die Besucherreihen pilgern lassen. Nebenbei: Könntest Du bitte die Nachricht, die Dich erröten ließ, eventuell … nur interessenhalber! Soziologische Aspekte und so 😉

  9. haha, „kein Verb – und nun?“ gefällt mir außerordentlich gut! Das frag ich mich auch manchmal…

  10. hahaha….ich freu mich schon wenn du nächstes Mal mit Keinen unterwegs bist 🙂 Ist schon etwas geplant? 😉

  11. Hab wiedermal wunderschön kichern müssen – und das tu ich so sehr gerne! Freu mich schon auf die nächste Schmunzelei. 🙂

  12. bin so spät daß schon fast alles gesagt ist — tolle geschichte und GRANDIOSES bild, ich wette die hexennase ist von Dir?

  13. Waaaaah. Menschen. 😛

  14. *lol* Ich hoffe, Dein kleines Geflügel hat sich trotzdem amüsiert – natürlich aus anderen Gründen, will ich hofffen.

  15. Klasse und super schön geschrieben!!!

  16. „Kommt noch eine Folge?“—

    Haha!! Vielen Dank für diese tolle Kolumne! =) Wahrscheinlich gehöre ich zur letzten Generation, die mit Kasperletheater noch was anfangen konnte. Kinder würden sich das heute per Video-on-demand in 3D reinziehen. Ist das jetzt gut oder schlecht für die Eltern? 😉

    Liebe Grüße,
    Isabella

  17. Hach, schön zu lesen.
    Kasperletheater, da kommen direkt Kindheitserinnerungen aus grauer Vorzeit hoch. 😉

  18. Jedes Jahr das Gleiche. Das ist ja wie Weihnachten! Aber den Kindern gefällt’s doch!
    Und mir erst!!
    Und dann der Unfung dieser kasperle-phoben Erwachsenen, neeneenee!
    Aber schreib‘ doch Mal, Anke, bist Du Berlinerin? (Zitat): …kommen in Reihe 8 von 10 ‚zu sitzen‘.

    Diese Verlaufsform ist doch nur den Berliner bekannt. Das kann das Rheinland doch gar nicht!!
    Und weshalb kann Hut behaupten, dass der Stab nicht derselbe ist?
    Vielleicht sparen die vom Puppentheater ja und verwenden ihre Requisiten mehrmals.
    Und dann ist es Der Selbe, wa? Wir bleiben bei der Differenzierung!

    Weshalb hast Du die Passage, in denen die Herren angesprochen sind, ausgespart?
    Um Dir eine antwortreiche Zeit zu verabreichen? 😉

    • 😀

      Ich hab wen übersehen?? Jetzt hör auf, ich geh gleich noch mal hin und achte nur auf Herren! :-))

      „Reihe 8 von 10“ ist nur dem flüssigen Lesen geschuldet. Was voll ist, muss auch voll bleiben! 🙂

      Zauberstöckerl war im letzten Jahr noch blau mit Stern, da erinnere ich mich genau. Letztes Jahr war auch im Publikum nicht so viel los. Voll schade eigentlich.
      Ich freu mich total auf nächsten Herbst! 🙂

      • Nee, nee, nee, ich meine den Infinitiv „zu sitzen“,
        ansonsten alles anders: Zauberstöckel doch ersetzt?
        Hatte der Hut unrecht?

      • Klar war er im Unrecht!
        Aber ich bin doch nicht deppert und fang in der Vorstellung an zu streiten. Stell mal vor, da hätte noch ein anderer hinterher eine Zusammenfassung abgeliefert. 🙂

  19. Nix Neues aus dem Westen?

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