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Landplagen

11. September 2014

Bei meinen Eltern auf dem Land gibt es immer irgendeine Plage. Einen Sommer lang besetzte ein Hornissenvolk das Klo, ein anderes Jahr hauste eine Waschbärenfamilie in meinem Zimmer auf dem Dachboden. Sie hatten sich im Bettkasten eingerichtet und flippten völlig aus, wenn einer von uns die Tür öffnete.

Zurzeit haben meine Eltern Last mit einer Horde von Mardern. Am Abend rennen die übers Dach vom Schlafzimmer in den Wald. Mitten in der Nacht sprinten sie zurück, um daheim nach dem Rechten zu sehen.

Man muss sich das so vorstellen: Menschlein sägen zufrieden in ihren Betten, die Uhr zeigt gegen vier. Der Bach murmelt, ein einsames Käuzchen schreit und ab und an quäkt eine Katze …

Plötzlich ein Knall!
Mensch schreckt hoch.
Dröhnen!
Außenstehender denkt: „ERDRUTSCH! RAUS HIER!“
Er irrt. Ein Marder ist auf das Glasdach des Wintergartens gesprungen!
Saust wie ein Irrer! Poltert wie eine Herde Ochsen! Da hechtet der nächste wildgewordene Handfeger aufs Dach! Randaliert wie der Erste, hat den Giebel noch nicht erreicht: Wetzt ein dritte Wischmopp los!

In der Regel sind sie zu fünft und wenn der Spuk vorbei, sitzen die im Schlafzimmer zitternd im Bett.

Meine Mutter macht dann was im Haushalt. Während sie Schnecken von den Salatköpfen sammelt, geht mein Vater in seine Werkstatt und bastelt an seinem Lieblingsprojekt: Essenkochen mithilfe eines Parabolspiegels und Sonnenenergie. Was für schlechte Zeiten.

In der Tierwelt hat es sich jedenfalls herumgesprochen, dass man mit Goodwords Großeltern gut auskommt. Letztens werkelte wieder eine Hornisse. Kurzer Weg zum Futter – ausgerechnet unter den Frühstückstisch im Wintergarten klebte das dusselige Viech seine Hütte!

Meine Leute hatten da keinen Bock drauf. Sie mögen frühstücken im Wintergarten. Sie kamen überein, der Hornisse den Weg abzuschneiden.
Die Hornisse wollte aber zum Eigenheim und suchte ein anderes Schlupfloch. Meine Mutter wurde sauer, nahm die Tageszeitung und scheuchte die Fleißige hinaus. Halbe Stunde später: Hornisse torkelte wieder unter dem Tisch herum.

Goodwords weilten auf Kurzurlaub, deshalb nahm sich Pubertikel der Sache an. Er öffnete die Türe weit, nahm  ebenfalls die Zeitung, zielte – und schoß das Brummding über die halbe Wiese.

Nun hatte die Hornisse auch keinen Bock mehr. Sie kam nicht wieder.

Die nächsten zwei Tage Regen. Am dritten Tag zog mein Vater früh seinen Drahtesel aus dem Schuppen. Die Familie lechzte nach Brötchen, wo die Butter noch drauf schmilzt. Opa Goodword warf fröhlich seinen Geldbeutel in die Satteltasche – eierte die Hartnäckige heraus! Sie verschluckte sich fast vor Empörung und krachte gegen den Lenker. Daraufhin klinkte mein Vater die Satteltasche ab, sagte: „Ist schon gut, ich hab’s eilig …“, und hängte das Ding an mein Sportrad.

Dann machte er sich auf den Weg ins nächste Dorf. Er heizte über den Radweg. Nacktschnecken schmiegten sich an sein Schutzblech. Vor ihm flanierten zwei ältere Damen. Opa Goodword schellte, ohne zu bremsen. Er sauste heran, die Klingel rasselte sich heißer.
Endlich bemerkte ihn eine der Ommas: „GISELA! ACHTUNG! FAHRRADFAHRER!!“ Omma 1 zerrt Gisela von der Piste.
Gisela landete im Graben und schimpfte: „MUSSTE SCHELLEN, JUNGER MANN!“
Opa Goodword drehte sich um: „Hab ich doch!“
„Dann ist gut.“ Gisela klopfte Blätter von ihrer Hose: „Ich hör schlecht.“

Am Abend hockten wir zu fünft beim „Mensch-ärger-dich-nicht!“. Nachdem Geflügels Männel zum 34. Mal rausflog und Oma Goodword mehrfach schummelte, überkam mein Kleines eine große Müdigkeit. Kräftig trat es unterm Tisch gegen Pubis Schienbein. Selbstverständlich trat mein Pubertikel zurück! – Verfehlte jedoch das Hühnerbein.
Sofort fielen sämtliche Männel übereinander her und verhauten sich. Während mein Pubi auf einem Bein hüpfte und seinen Zeh umklammerte, holte meine Kampfhenne tief Luft und schaltet die Sirene ein.

Pubi ließ denn schmerzenden Zeh los und stopfte genervt seine Ohren. „Ich geh Fernsehgucken!“

Kurze Zeit später, das Huhn hatte gerade sein Köpfchen unter den Flügel gekuschelt, rief Pubi: „OPA! SCHNELL! IN DER STUBE FIEDELT EINE GRILLE!“
Ich tippte mir an dir Stirn, doch mein Vater sprang auf: „Die habe ich vorhin auf dem Dachboden gesehen …“

Pubi lümmelte in Opas Ohrensessel und verfolgte gespannt, wie Schenk und Ballauf durch eine Kölner Straßenschlucht jagten. Ich hörte ein metallisches Zirpen und tippte mir erneut an die Stirn. „Die Grille ist in der Glotze, das hört man doch!“
„Mann, Mutter, guck genau hin! An dem Baum da hängen keine Blätter! Friert sich die Grille den Arsch ab!“
„Na!“ Oma Goodword hob den Zeigefinger.
„Komisch klingt’s schon …“, bestätigte mein Vater.
„Ihr könnt mir glaube, dass es eine Grille ist! Ich hab ihr die ganze Zeit zugeguckt, wie sie an der Wand lang kroch!“
„Warum sagst du dann nicht eher was??“
„Dachte, die geht von selber wieder. Und außerdem war es spannend, als der dicke Schenk vorhin im Hof bei den Mülltonnen vom Puff …“ Pubi wollte eben die Handlung erläutern.

„Hallo!“ Mein Vater erstickte die Unterhaltung. „Wenn wir die Grille nicht finden, können wir nicht schlafen!“
„Wo ist denn das Problem?“ Pubi zuckte die Schultern. „Wir machen einfach die Tür zu, kann sie sich hier drin einen Ast fiedeln!“
„Grillen kommen ein halbes Jahr ohne Fressen aus. Sobald sie es gut finden, fangen sie an zu fiedeln. Die treiben einen in den Wahnsinn!“
„’ne Schwester und ’ne Grille …“ Pubi stöhnte. „Ich fahr heim!“
„Aber vorher holst du mir eine Stirnlampe!“, sagte mein Vater.
„Was ist eine Stirnlampe?“ Plötzlich ein Stimmchen hinter mir.
„Wo kommst du denn her, Schatz?“
„Ich hab gedacht, einer will meinen Bruder klauen. Weil er so geschrien hat …“
„Da brauchste dir keinen Kopp machen.“ Pubi zupfte an ihrem Ohr. „Ich bin denen zu anstrengend. Die bringen mich sofort zurück!“

„Ich wollte eine Lampe, Leute!“ Trotz schummriger Festbeleuchtung konnte mein Vater nichts erkennen. „Pack mal mit an!“
Gemeinsam mit Pubi zog er das Sofa von der Wand. Die Beine quietschten. Geflügel quiekte in gleicher Tonlage: „MAUSEFALLE!!“

„Stell dich nicht so an, ist doch gar keine drin!“ Pubi wollte die eingestaubte Falle mit dem Finger wegschnipsen, da entdeckte er die Grille. Gemächlich schob sie sich Richtung Fußleiste.

Das soll eine Grille sein?“ Geflügel schüttelte den Kopf. „In meinem Buch trägt die Kopftuch!“

„Hol mal ein Glas aus der Küche!“ Großvater stieß Pubi an.
„Hol doch selber, ich weiß nicht, wo die sind!“
„Ich behalt besser die Grille im Auge.“
„Kann ich doch machen, ich kann besser gucken.“
„Ab!“
Mein Pubertikel ächzte und schlich los. Die Grille weiter unterwegs zur Leiste.

„Wo bleibt der Bursche?“, fragte mein Vater. „Findet der die Küche nicht?“ Grille gefährliche drei Zentimeter vor der Deckung. „Geh mal nachschauen, ob dein Bruder sich verlaufen hat!“
„PUUUUBIIIIIIII!“ Geflügel flatterte los.

Stille.
Zwei Zentimeter.
Getrampel auf der Treppe.
„Wo holt ihr das Glas? Die Küche ist nebenan!“
„Was denn für ein Glas?“ Pubi japste. „Ich hab unten den Fotoapparat geholt!“
„Was willst du mit dem Fotoapparat?? Damit kannst du keine Grille fangen!“
„Ich kenn doch meine Mutter! Für ein gescheites Foto macht die alles! Hier, Mütterlein!“ Das gute Kind pfefferte mir den Apparat rüber. Ich riss die Klappe vom Objektiv.
Ein Zentimeter!
Ich hielt drauf. Schwarz. Akku leer.

Die Erwachsenen und der, der längenmäßig dazu zählt, hatten über dem Exkurs den eigentlichen Zweck der Zusammenkunft vergessen. Allein mein Geflügelengel behielt den Überblick. „ICH HAB WAS!“ Gerade noch rechtzeitig kam sie mit der Insektenfalle angeflitzt!

IMG_9673

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From → Aus dem Clan

53 Kommentare
  1. Sehr tierliebe Familie, hm? 😀
    Vergnügte Grüße 🙂

  2. nixe permalink

    Supersoannend und sehr lustig geschrieben – danke ❤️ ich bin begeistert, ein Kopfkino par excellenz! Gibt’s ein Buch von dir? ich würdest zu gern lesen- klasse!!
    Liebe Grüße

  3. Molly L. permalink

    Liebe Goodwords, ich steuere gerne was dazu: Riesige, haarige Waldspinnen, die es immer wieder durch den Garten in unser Wohnzimer schaffen, die jährliche Gewitterwürmchenplage, für die Haustür 1.000 Nacktschnecken, die wohl irgendwie auf den Bodenbelg dort abrutschen sowie 3 mir abendlich im Garten um den Kopf sausende Minifledermäuse.
    Interesse? 😉

  4. Für Marder wüsste ich ja was.
    Exportieren wäre das Stichwort. Der Araber nimmt alles, Leopard, Fuchs, Marder usw.

    • Die Araber müssten sie allerdings fangen, weil das schaffen wir nicht. Ansonsten bin ich dabei!
      Mein Vater auch, er ist sauer, weil die Blase ihm schon wieder das Zugseil der Dachmarkise vom Wintergarten durchgeknabbert hat.

  5. Goodwords heitere Tiergeschichten! Nee, wie schön 😆
    Wie gut, dass morgens kein Bär vor eurer Tür stand!

    Ganz liebe Grüße, die Emily

    • Kommt bestimmt auch irgendwann … Letztens zogen nach gut 50 Jahren wieder Kreuzottern im Garten ein (unsere einzig heimische Giftschlange) – und am anderen Ende gruben ein paar Füchse einen Bau. Die Füchse nahmen sich nach einer Weile der Kreuzottern an, sogesehen passt das schon. 🙂

  6. Ach, herrlich! Mitbewohner aller Art sind doch immer wieder Ablass für allgemeine Heiterkeit 😉 Ich fühl mich schon ganz wie daheim bei Euch!

  7. Wieder einmal eine sehr fröhliche Schreibe! 🙂
    Und vor irgendwelche Rätsel wurde ich diesmal auch nicht gestellt…abgesehen von einem Punkt vielleicht: Wie darf ich mir ausfllippende Waschbären vorstellen? 😯
    Klauen die dann Nagelbürste und Luffahandschuh und setzen sich ein Schaum-Wannenbad an?

    • Da freue ich mich, dass es diesmal so gut wie keine Unklarheiten gibt, Lichti! 😀
      Ein ausflippender Waschbär, mein Guter, schmeißt nicht mit Kosmetika, er knurrt und faucht. Er vermittelt dir das Gefühl, dass er dir gleich schmerzhaft vom Arm baumeln will. Oder von wo anders 😀

      • Uäh!! Und ich dachte immer, Waschbären seien knuffige, fröhliche Gesellen und nicht, daß er zähnefletschend mein Sexleben torpedieren will! Wahrscheinlich bin ich in meiner Jugend zu sehr von Grizmek beeinflusst worden…der sprach immer von possierlichen Tierchen. 🙂

      • Das war zu einer Zeit, als Füchse noch die Städte mieden und Waschbären nur im Zoo zu begucken waren. Zeiten ändern sich, auch für Waschbären! 🙂

  8. Augen auf bei der Standortwahl ! 😉

  9. Nicht Brehms Tierleben … aber nah dran.

  10. Ich könnte mich beäumeln vor Lachen, herrlich 😉
    Sei von Herzen gegrüßt von der ♥ Pauline ❤

  11. Oh, Hornissen hatten wir auch mal einen Sommer lang neben der Gartenterasse. Und übermütige Marder auf dem Dachboden – ich fühle mit…

    • Das mit den Hornissen erledigt sich ja im Herbst ohne Zutun.
      Auf meiner Facebookseite habe ich ein Foto des Hornissenklos gepostet. Extrem imposanter Bau war das im Herbst!
      Nur für die Marder fehlen noch Ideen, sie von einem anderen Trampelpfad zu überzeugen … Wenn du welche hast: Immer her damit! 🙂

      • Späte Antwort, aber doch: Nein, leider, leider keine Ahnung. Ob es irgendeinen Geruch gibt, den die Marder nicht mögen? Oder sind Marder diejenigen, die so riechen, dass kein anderes Tier in der Nähe sein möchte? Liebe Grüße!

  12. Dein Sohn hat dann bei dem Schulaufsatz: „Mein schönster Ferientag“ wenigstens was zu erzählen.

  13. Ländliche Stille ist in deiner Familie scheinbar ein Fremdwort. Wo ihr auftaucht, ist immer was los 😆 .
    Herrlich geschrieben, hab mich amüsiert :mrgreen:
    LG Anna-Lena

  14. die marder sind vemutich meine
    beim käuzchen bin ich nicht sicher, dachte acuh immer bei uns kuckkkuuuuhen die rum aber mein pa meinte mal das seien nur tauben ?
    herrlisch — wie immer, diese mischpoche !

    • Bienchen, du hast doch immer Ideen! Denken wir nur an die Marienkäfer-Laus-Lösung in meinem Kirschbaum. Was können wir gegen Marder tun?
      Weiß nicht eine deiner Gartenfeen Rat?
      Opa Goodword schimpft, weil schon wieder ein Dachmarkisenseil dran glauben musste. Das Seil an sich ist ja nicht das Problem, aber das Reinfummeln in den Kasten! 😀

      • ich meine mal gelesen zu haben daß die marder keine anderen gerüche mögen, dann wären also z.b. katzenhaare nicht schlecht? meine vom langhaarigenBombenLeger (äh: langhaarijeMäuseJäjer) sammele ich allerdings selber um mal irgendwann ein paar handschuhe draus zu stricken, oder so, in den 4 jahren seit er bei uns lebt ist schon eine knappe stofftasche voll geworden, jetzt fehlt mir nur noch jemand mit spinnrad . . . ;-),

      • Spinnrad könntest du bei Waldorfs probieren. Sicher hast du in der Nähe einen Waldorfkindergarten. Wenn du denen mit deiner Katzen-Handschuhidee kommst, unterstützen sie dich sicherlich! 😉

      • das ist eine supergute idee, hab ich knapp 10km … DANKE

  15. Gudrun Zimmermann permalink

    Super

  16. Sehr amüsante Geschichte, total entspannend zum Lesen zwischendurch.
    Liebe Grüße!

  17. Leben auf dem Land mal anders…
    Toll geschrieben, ein super Bericht.
    Also keine Langeweile bei den Großeltern. Wie ist es denn doch zu dem Bild gekommen?

  18. wieder einmal spannend geschrieben und gerne von mir gelesen

  19. *g* Die Landplagen kommen mir bekannt vor. Beim Besuch des ländlich gelegenen Elternhauses trampeln auch abwechselnd Marder durch den Dachboden, ein Wespenvolk summt im hohlen Wandzwischenraum des Gästezimmers und hinter der Styroporverkleidung des ehemaligen Kinderzimmers rascheln Mäuse.
    Habe mich beim Lesen eben köstlich amüsiert und an meine tierischen Mitbewohner daheim gedacht. 🙂
    Viele Grüße
    Sanne

    • Freue ich mich! 😀
      Mäuse habe ich auch zu bieten. Leider hat die Nachbarskatz ins Gras gebissen. Hoffentlich schaffen sie sich bald eine neue an! 😉

  20. Hey, voll gut geschrieben, hab richtig lachen müssen, so gut konnte ich mir das vorstellen!

  21. Herrlich! Kommt mir alles sehr bekannt vor. Ein Hoch aufs Landleben! 🙂

  22. Danke für das DAuergrinsen das ihr mir eben ins Gesicht gezaubert habt, freu mich schon auf den nächsten Beitrag!
    Liebe Grüße Sina

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