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Strippenbürde

28. Oktober 2014

Bei den Großeltern auf dem Land ist alles früher: Bäume verlieren im Herbst schneller ihre Blätter, man beginnt zeitiger sein Tagwerk und ohnehin war früher alles besser.

Wenn wir die Großeltern besuchen, schläft Pubertikel in der Kammer neben der guten Stube. In der steht auch das Telefon. Es bimmelt mit maximaler Lautstärke, damit meine Leute keinen Anruf verpassen. Egal wo sie sich aufhalten.

Jeden Morgen, kurz vor sieben, fängt der Terror an!
Die erste Schachtel will von meiner Mutter wissen, wie es ihr geht. Die Nächste möchte sich beschweren, dass die Schnecken in diesem Jahr überhandnehmen. Gewiss ließe sich das auch am Vormittag klären – zumal meine Mutter dann aufgestanden wäre. Das Bett ist nämlich der einzige Platz auf dem ganzen Grundstück, wo meine Leute ihr dämliches Telefon nicht hören!

Mein Pubertikel versteht da jedenfalls keinen Spaß. Das Wichtigste an Ferien: Er! Schläft! Aus!
Wenn die Sonne zum Zenit klettert, lässt sich mit einem verschlafenen Pubi rechnen.
Vorher drehen wir Däumchen oder blättern in der Zeitung.

Letzten Sonntag reisten wir spät abends an. Ich sah den Stress am nächsten Morgen schon kommen, sagte aber nichts. Als wir uns kurz vor 10:00 Uhr in der Küche um warme Brötchen versammelten, fragte meine Mutter: „Wo steckt  Pubi?“
Ich winkte ab, ich hatte Halsschmerzen.
„Hat heute früh eigentlich wer angerufen?“ Mein Vater feixte.
„Du trinkst jetzt Salbeitee!“, bestimmte meiner Mutter.
„ … wir könnten ihm auch das Telefon ans Bett legen und „Suchen“ drücken“, überlegte mein Vater. Die Halsgeschichte war ihm gleich.
„Au ja, gute Idee!“ Geflügel flitzte los.
„Lass mal“, krächzte ich. „Lass ihn pennen!“
Geflügel kam zurück und trat der Oma auf den Fuß, die mit einer riesigen Tasse zum Tisch balancierte.
„Heiß!“, schimpfte meine Mutter.

In der Tasse schwamm ein nicht minder mächtiges Tee-Ei.
„Zehn Minuten ziehen lassen!“ Meine Mutter drohte mit dem Finger und ich salutierte. Eine Viertelstunde später erinnerte ich mich des Tees und zog das Ei heraus. Das Wasser war so hell wie vor fünfzehn Minuten.
„Ihr macht mich fertig“, stöhnte meine Mutter und kramte ihre Salbeibüchse aus dem Schrank.

Irgendwann im Laufe dieses bunten Frühstücks kreuzte Pubi auf. Er schleppte sich zum Tisch und brach schwerfällig über einem Stuhl zusammen.

„Was ist, Großer?“ Mein Vater gab den Mitfühlenden.
„Dieses scheiß Telefon!“, schimpfte Pubi los. „Kommende Nacht nehm ich’s mit ans Bett und dann stauch ich die morgen früh dermaßen zusammen!!“
„Ja, mach das.“ Großvater nickte. „Zeig denen, wo’s lang geht. – Wie spät war es denn?“
„Kurz vor halb zehn!!“
„Allerhand.“ Mein Vater schüttelte den Kopf. „Die trauen sich was.“

Nächster Morgen, wir anderen wieder vergnügt am Frühstückstisch. „Und?“, fragte mein Vater, „ob einer angerufen hat?“
„Bestimmt!“ Ich nickte und titschte genüsslich in Mutters Salbeitee. Diesmal waren Blätter drin, das Wasser war pissgelb.
„Riecht wie gute Suppe.“ Geflügel hing mit dem Köpfchen über meiner Tasse.
„Du kannst auch einen kriegen“, sagte meine Mutter.
„Aber mach mir Nudeln mit rein.“
„Das ist ein Tee!“
„Mir langen auch Eier …“

Es war deutlich vor zwölf, als Pubi zu uns stieß. Er sah noch derangierter aus als gestern. Mein Vater rückte ihm einladend den Stuhl zurecht und stütze sich dann auf die Ellbogen. „Erzähl!“

Zusammenfassend war die Sache so gelaufen:
Natürlich hatte mein Pubi das mit dem Telefon-zum-Bett-nehmen vergessen. Der Terrorknochen schellte also wie gewohnt. Mein Pubi stürmte ins Wohnzimmer, brüllte rein: „Wir schlafen noch!“, und knallte den Hörer in die Ladeschale.
Er hatte das Bett noch nicht wieder erreicht – bimmelte das Ding erneut!

Eine Frauenstimme, doch Pubi ließ sie nicht ausreden.
„Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass wir alle noch pofen!“ Haute den Hörer zurück, wollte endlich in sein Bett: DRRRING!!

„So langsam nerven Sie.“ Diesmal blieb mein Pubi ruhig.
„Ich habe schon zwei Mal angerufen …“ Die Dame am anderen Ende sammelte sich. „Wie geht es euch denn?“

„Und, wer war das jetzt??“ Mein Vater war hochvergnügt.
„Das weiß ich doch nicht! Denkste, ich hab mich weiter mit der unterhalten?“
„Was hast du denn dann gemacht?“
Pubi begann auf seinem Smartphone zu fummeln.
„Wenn du was spielst, will ich mitspielen!“ Geflügel erklomm die Rückenlehne seines Stuhles.
„Ich spiel nicht!“ Pubi grinste zufrieden. „Ich hab mir jetzt den Wecker gestellt. Wenn Montag die Schule wieder anfängt, steh ich um 6:20 Uhr auf. Als Erstes ruf ich die an und frag sie, ob ich ’n dicken Pullover anziehen soll!“

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From → Aus dem Clan

54 Kommentare
  1. Wie sagt man so schön auf Neudeutsch?

    MADE!
    MY!
    DAY!

    🙂

    • Da freue ich mich! 🙂

      Neben mir röhrt seit zwei Tagen ein Bagger. Vorher hämmerte drei Tage ein Presslufthammer. Ich werd noch ganz wuschig im Kopf …

      • Ich wohn direkt gegenüber von einer Schule… Das Geräusch der Kinder macht mir gar nichts, das mag ich sogar ganz gerne.

        Aber wenn jetzt im Herbst morgens um 7 täglich der Laubbläser losröhrt… O-haue-ha!

      • Ich habe nur Baulärm.
        Rasenmäher ist ja gerade nicht, oder …?
        Ich muss lauschen gehen! 😀

  2. Muahaha, *gröhl*! Von mir hat Pubi vollstes Verständnis: In den Ferien beginnt der Tag mit dem Mittagessen, jawollja!
    … Und ich wüsste ZU gern, ob er sein Vorhaben durchzieht, hihihi!
    BTW: So bin ich auch mal eine nervige Verwandtschaft losgeworden, die wohl aus Langeweile meinte, mich jeden Tag anrufen zu müssen, obschon sie nichts zu erzählen hatte! Da habe ich dann einfach auch mal jeden Tag – zu den unmöglichsten Uhrzeiten, versteht sich!- angerufen; 3 Tage und die Sache war erledigt! 😉

    • Hahahahahahahahaha … 😀
      Richtig! 😀

      Blinkt der AB: „Ich wollte mich auch mal melden. Wollte fragen, was ihr so macht und wie es euch so geht. Ruf mich an!“

      Halloo! Wenn ich was zu erzählen hab, schreib ich einen Schwank! 🙂

  3. Obwohl wir auf dem Land leben und relativ zeitig aufstehen, dafür auch relativ zeitig zu Bett gehen, kann ich das dem Pubi nachvollziehen. Mein Handy geht von 21-7 Uhr programmiert auf Nachtruhe. Kann man von Großmutters Telefon nicht eine Strippe aus der Wand ziehen oder die Klingel abstellen? Also da hätte ich von Pubi etwas mehr Innovation erwartet.

    • Leider geht da nichts rauszufummeln. Schön hinter dem Schwank versteckt. Bei uns daheim übrigens auch. Dabei sind mein Mann und mein Vater nicht verwandt … 😀

  4. Man hat es nicht leicht, wenn man sich so als FerienJungPubi in großelterliche Gepflogenheiten einfügen soll. Aber ich hätte auch gedacht, dass er mit mehr technischem knowhow der Sache Herr wird.

  5. Ich hätte da für den Junior noch 1A Ausrüstung, nutzt mein Schriftführer auch!
    http://kukuklok.com/

  6. Felix Austria. Laubbläser in der Steiermark verboten, nicht nuŕ des Lärmes wegen, nö: FEINSTAUB- Verwirbelmistgurkenhöllenmaschinen sind sie!

  7. Hahaha, eine köstliche Geschichte. Ich lebe so ein Geschreibsel. Danke für das Lächeln heute morgen in meinem Gesicht.
    LG Tina

  8. Wir haben Ferien und einen Pubi (der heißt bei uns „the smelly kid“ neuerdings) und niemand ruft uns an. Könnt mer sich freuen! Aber wir haben Schlagzeug und Klavier von rechts, Geige, Klavier und Gesang (Gesang trifft es eigentlich nicht wirklich, da probt eine Maid für DSDS) von links, Baustelle von unten links mit Rüttelplatte und brüllenden Bauarbeitern, die aus unerklärlichem Grund um sieben mit der Arbeit beginnen. Und wenn die dann um vier fertig sind, setzen Helene Fischer und ihre Artgenossen die Nachmittagsgestaltung für die kleine beschauliche Straße an (von unten rechts, gegenüberliegende Straßenseite). Ganz schön ist das bei uns ❤ Frag mal, ob der Junge zum Schülertasch herkommen will. Danach macht er freiwillig die Telefonseelsorge für Omis Kumpels.

    • Nieselpriems, ihr seid verflucht schlimm dran!! 😀
      Megaschlimm! Absolutes Mitgefühl!
      Was mich ganz erstaunt: Wie viele seid ihr eigentlich?
      Den Smelly kannte ich noch nicht.
      Nur den mit dem Kackwürschtel und den, der sich ekelte.
      Oder war jener S.? 😀

  9. der arme pubi nimmt das aber mit humor, meine hochachtung. muss er von der mutti geerbt haben 😉

    reize nie einen schüler zum scherz, denn er könnt geladen sein …

  10. Ich kann den Pubi sehr, sehr gut verstehen. Und ich stecke ganz knallhart mein Festnetz-Telefon aus, wenn ich lange schlafen möchte. 😉

  11. Herrlich!!!! Und den Pubi versteh ich, grad in den Ferien sollte man doch ausschlafen können pffff

  12. Was für ein herrliches Ende der Story, ich habe Lachtränen in den Augen.
    Aber so frühe Anrufe mag ich auch nicht. Vor 8 Uhr gehen wir nicht dran.
    Nun kann Pubi ja früh aufstehen, das ist er ja gewohnt, lach.
    UND er macht die Dame fertig, so richtig, Klasse!

    • Ich wünschte mir morgens im Radio mehr Info über das Wetter. Vor allem jetzt, wo man früh draußen noch nichts sieht.
      Wenn die das nicht machen, muss man seine Kleidungs-Infos eben woanders beziehen! 😀

      • Hörst du nicht WDR2?
        Da kommt doch laufend das Wetter.

      • In meinem Bad (da wo es früh drauf ankommt! :-D) kriege ich nur einen einzigen Sender rein. Der macht nur ein Mal, kurz vor sieben, Wetter. Wenn ich den Moment verpasse, lasse ich mich überraschen.
        Weiß aber nicht, welcher Sender das ist. Jedenfalls einer mit einer Menge Gequatsche am Abend.

  13. Amüsant! 🙂
    Aber Du kannst mir doch nicht erzählen, daß der Bursche (Achtung: Mördergag!) nicht ausgeschlafen genug ist, das Telefon über Nacht aus- oder stumm-zustellen!? 😯
    Da Du von einer Ladeschale sprichst, war das ja wohl nicht gerade ein Bakelit-Telefon aus den 50er Jahren! 🙂

    • Gerade so ein Ladeschalentelefon schaffen wir nicht, stumm zu schalten.
      Lediglich das Mobilteil lässt sich das Gebimmel verbieten. Der Basis ist das wurscht und sie lärmt fröhlich weiter. Stecker ist schön hinter dem Schrank, damit sich keiner dran vergreift. 🙂

      • Na, da scheinen Deine Eltern ja ein sehr störrisches Dect-Telefon erworben zu haben. Bei den Siemensen, Gigasets, Panasonics usw. die ich kenne, muss man den roten Hörer etwas länger drücken und schon fallen die Dinger in Tiefschlaf, inklusive der Ladeschalen-Mama… 😉
        Aber so ist es natürlich auch viel spannender!

      • Die Ladeschale schläft mit??
        Wir haben Gigaset. Wir und auch meine Leute. Die Ladeschale macht bei beiden weiter. Nur der Hörer hält den Rand. Sind’s vielleicht Montagsgeräte …

      • Dann verbiete doch der Ladeschale dauerhaft das Mundwerk. Klingellautstärke auf aus.Vorlautes Teil! Reicht doch, wenn das Mobilteil bimmelt oder musiziert oder was es so tut, bei Euch…

  14. Hehe… sehr schön. Gut, nicht für alle von uns :mrgreen: Ich war immer eine Frühaufsteherin, allerdings war mir nicht danach zu sprechen. Und dann gibt es ja die Leute, die morgens schon einen auf Clown machen… Ganz übel!

    Liebe Grüße ins Team, die Emily

  15. Den armen Jungen in seinen Ferien so zu belästigen, das grenzt ja wirklich an Körperverletzung. Sag ihm, er hat mein volles Mitgefühl 😉 .

  16. Bah, da hat Pubi ein Humor-Defizit:
    „Männerwaschanstalt Becken 17“
    „Städtisches Krematorium Graubünden“
    „Notgeilen-Telefonseelsorge“
    Nach dem dritten Melden hätte der Anrufer aufgegeben.

  17. Mach auch ein Foto, falls er das um 6.20 Uhr schafft. Das will ich sehen!

    • Aufstehen funzt!
      Der Rest … nun, kriegt früh eher nicht das Gebiss auseinander.
      Bis Mittag ist immer schon so viel passiert, da vergess ich das Fragen! 😀

  18. nixe permalink

    Hey..die Story war klasse, ich fühlte mich als unsichtbare und breit grinsende Tischnachbarin beim Frühstück…so sind die Lütten, razzen bis zum Mittagessen – watt mutt, datt mutt!
    Liebe Grüße auch an den gewieften Pubertikel

  19. Och jö, armes Pubi.
    Jetzt wenn er sein Fahrrad noch hätte, dann könnt er fliehen … Oder die Verwandtschaft mit dem Lateinvokabelheft kloppen …

  20. Danke für das breite Grinsen im Gesicht. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

  21. so klasse wie schon lange nicht mehr … und deshalb (oder warum auch immer) kommt meine ma mit verborgener nummer rüber, da kann sich kein pubi (den wir eh nicht hätten) rächen
    der salbeitee machte fast noch mehr spaß in seiner erst nichtexistenten und danach als suppe mißbrauchtzuwerden bedrohter variante 😀 hat er denn geholfen oder laborierst Du noch? besser Dich, hörst/lieste mich?

    • Ausgezeichnet hat er geholfen! Salbeitee und Radtraining, weißte Bescheid! 😉

      Übrigens hab ich meine Mutter angesteckt. Da sie aufs Radtraining verzichtete (Sie hasst Radfahren!) und nur mit der Suppenteegeschichte versuchte – legte sie sich eine ganze Woche lang in’s Bett.
      Merke: Salbeitee allein reicht nicht! :-))

  22. made me laugh too 😀

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