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Das Erdbeergrauen

12. November 2014

Mein Geflügel fürchtet sich neuerdings daheim. Sobald es das Haus betritt, bindet es sich vermittels Strick fest an meinen rechten Knöchel. Der Hühnerstall liegt verwaist und Spinnen fahren mit den Autos durchs Zimmer. Demnächst wollen die Acht-Beiner das gesamte obere Stockwerk annektieren, denn auch Pubertikel lässt sich nur zum Schlafen blicken.

Als es mir nach zwei Wochen zu albern wurde, von der kleinen Maid aufs Klo eskortiert zu werden, suchte ich das Gespräch.
„Ich geh nicht hoch, da kommen Böse ins Haus!“, schmetterte sie.
„Wie sollen die hineingelangen? Die müssen unten bei mir vorbei. Tür ist abgeschlossen und ich lasse niemanden rein!“
„Die schleichen natürlich oben rum.“
„Und dann?
„Durch den Schornstein.“
„Ist doch Quatsch. Auf dem Dach ist ein schmaler Schlund. Guck mal bei den Nachbarn: Siehst du die Regenabdeckung? So was haben wir auch. Wer soll so blöd sein und sich da durchquetschen?!“
„Weihnachtsmann.“
„Außerdem brennt der Ofen. Durchs Feuer kriecht keiner.“
„Doch. Wolf.“
„Der sengte sich den Schwanz an und machte, dass er fortkam.“
„Ja. Aber beim zweiten Mal stellte er sich geschickter an. Kippte zuerst einen Eimer Wasser runter.“
„Wo hat er jetzt noch mal das Wasser her?“ Irgendwie rann mir die Zeit davon.
„Holt er aus dem Teich …“ Sie zeigte nach draußen.
„… und schleppt den Eimer bis aufs Dach!“ Mein Pubi verhedderte sich vor Freude mit dem Schulrucksack im Treppengeländer. Es polterte und er knurrte, woraufhin Geflügel mir zitternd an den Hals sprang: „Siehst du! Kommt schon einer!!“
„Mensch, das bin doch ich!“

Jedenfalls bringt solcher Tumult meine kleine Henne noch lange nicht aus dem Konzept: „Oder er schmeißt erst eine Decke rein …“, überlegte sie weiter.
„Blödsinn. Dann friert er nachts!“ Pubi hatte sich wieder gefangen und startete zum zweiten Anlauf in die Küche. „Außerdem klaut dich sowieso keiner. Du plärrst zu viel!“
Während Geflügel den Schnabel aufriss, deckelte Pubi geschwind seine Ohren. Doch dann kam ihm eine Idee:  „Und wem das nicht langt, den verhau ich! Ich hol dich schon zurück!!“
Das Kleine stürzte sich auf den Bruder und schmatze ihn ab. „Siehste, Mutter“, er sah mich triumphierend an, „wenne mich nicht hättest, wär das hier voll eskaliert!“

Nichtsdestotrotz grauste sich mein Geflügel weiter. Deshalb schläft es in Mutters Bett ein und der Vater bugsiert das unhandliche Ding nachts in die Kinderstube. Dabei muss er aufpassen, dass er nicht mit dem Hühnerkopf am Türrahmen hängen bleibt.

Nun sammelt das Kind seit einer Weile Glubschis. Das sind diese Kuschelviecher mit den riesengroßen Glitzeraugen. Mittlerweile elf dieser Angsthasen finden in meinem Bett Ruhe und wollen nachts mit dem kleinen Mädchen ins Spinnenquartier.

Bei acht Stück fing es an, dass ich zweimal gehen musste. Hatte ich wenig Bock drauf. Zumal Geflügels Kuscheleule und ein großes Pferd mit von der Partie sind.

„Du hast einen MaxiCosi“, sagte ich eines Morgens. „Stell den abends ans Bett, dann muss ich die Viecher nur reinpacken. – Steht der MaxiCosi nicht da, pennen die Glubschis bei Mama!“

Eine Woche klappte alles bestens: Viehzeug einstapeln, rübertragen, Henne zudecken und küssen – Feierabend.

Nach einer Woche und einem Tag suchte ich kurz vor Mitternacht den MaxiCosi. Spähte ins Zimmer, guckte ins Zelt; sogar den Schrank zog ich auf: Nichts. Rannte noch einmal nach unten, scannte das Erdgeschoss: Nada.
„Hast du’s endlich?“ Mein Mann legte seine Brille auf die Fensterbank.
Bin ich also drei Mal wegen des Zottelzeugs hin und her.

Am Morgen fragte ich Geflügel: „Wo war der MaxiCosi letzte Nacht?“
„Du hast doch gestern gesagt, ich soll aufräumen!“
„Wohin hast du ihn denn geramscht?“
„Unters Bett.“
Mein Mann wollte an uns vorbei, er brauchte Socken.
„NICHT DA REIN!!“, brüllte Geflügel. „MEIN BRUDER SCHLÄFT NOCH!!“
„Jetzt nicht mehr“, sagte der Vater und ließ die Sockenlade zurollen.

Kaum trafen mein Mann und ich unten an der Kaffeemaschine zusammen, kriegte Geflügel Sehnsucht. Es stellte sich vor Pubis offene Zimmertür und kreischte: „MAMA! MAMAA!“
Ich rannte ins Treppenhaus, doch das kleine Ding trompetete wie angestochen weiter: „MAMAAAAAA!“
„Was ist denn??“ Pubi tat mir echt leid.
„Wo ist meine Erdbeere?“
Wegen einer Erdbeere brüllt die das ganze Haus zusammen und das Nachbarhaus gleich mit?
„Wirst du gegessen haben.“
„Die ist nicht zum Essen!“, empörte es sich.
„Was weiß ich …“ Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach und außerdem wollte ich zu meinem Kaffee. Drehte mich um, plärrte es wieder: „MAMAAAAA!“
„Maaaann“, so langsam reichte es mir. „Was willst du denn noch?“
„Wo ist jetzt meine Erdbeere?“
„Du hast doch gestern aufgeräumt. Guck mal unters Bett!“ Pubis Schlaf konnte mir mittlerweile gestohlen bleiben.
Das Kleine wetzte los und ich betrat die Küche. Die können bei mir daheim theatern, was sie wollen, aber bittschön nach dem Kaffee!

Ich setzte mich zu meinem Mann auf die Bank – Füße auf den nächsten Stuhl – kam unser Nachwuchs mit einer großen Dose in Erdbeerform angeflattert.
„Aha“, sagte ich. „Was hat es nun mit dem Ding auf sich?“
„Ich wollte nur mal reingucken, was drin ist.“

IMG_1352

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From → Aus dem Clan

47 Kommentare
  1. und? was war drin?? und ist es das noch???

  2. Grandios! Das tägliche Grauen – aber ohne das wäre das Familienleben nur halb so schön… 😉

  3. Sid das die da?

    Davor hätte ich aber mehr Angst als vor Dacheinsteigern!

    • Absolut korrekt! 😀
      Die da ist eine der elf, weswegen ich, und so weiter. 🙂

      • Ach, du meine Güte. Ach. Du. Meine. Güte.
        Wär ich Geflügel, ich bekäme nicht von den Bösen oder dem Wolf Angst, sondern vor diesem Glitzeraugenhorrordings!!

      • Anfänglich war mir das auch sehr suspekt. Mittlerweile bin ich daran gewöhnt. Hauptsache keine Barbies!

  4. Hm… Du könntest Deinem süßen Geflügelchen doch so ein Sorgenfresserchen kaufen und es zum Spinnenfresserchen ummodelieren…?

    • Und ein Einbrecherfresserchen… ein Weihnachtsmannfresserchen… die Möglichkeiten sind grenzenlos! 😀

      • Alles klar!
        Dann brauch ich noch einen zweiten MaxiCosi und ich kann wieder allein aufs Klo! 😀

      • Nee, die Fresserchen müssen doch dann strategisch verteilt die Stellung halten! ZB müssen das Wolfs- und das Weihnachtsmannfresserchen beim Kamin auf der Lauer liegen, ist doch Logo! Nix mehr also mit umherziehen! 😉
        Allein auf`s Klo? *Seufz*, ist schon länger her…

  5. nixe permalink

    Hehe.. Kommt mir sowas von bekannt vor: mein damaliges Geflügel schlief vor meinem Bett auf ner Matratze weil ihr riesiges Zimmer voll mit Nachtmonstern war.
    Soifz… jetz isse 21 Lenze alt.
    Toll geschriebene Story – Danke!

  6. Mit deinem Geflügelchen kommt deine Fantasie nicht aus der Übung! 🙂 – Dieses von Daggi gezeigte Großaugentier ist wirklich gewöhnungsbedürftig – zumindest für Erwachsene.

  7. Wei, Wei, Wei… 🙂

  8. Hach, ich werde verrückt, das könnte ich am frühen Morgen echt nicht haben. Da brauch ich meine Ruhe.
    Was bei euch los ist, das ist echt schreibenswert.
    Eine Erdbeerdose, und sie wollte nur mal reingucken, na prima.
    Aber was ist mit den Spinnen? Die suchen nun mal auch in Häusern Unterschlupf.

  9. Oh, Gott! Ich hoffe, ich werde dereinst einen Kuscheltierzoo verhindern können. … oder Du musst hier auch mal Dein Geheimnis für Nerven wie Stahlseile verraten. 😉 Bitte.

    • Drahtseilnerventee. Rezept muss ich raussuchen.

      • Ja, bitte. Unbedingt. 🙂

      • 20 g Johanniskraut (Achtung, dann keine Sonnenbäder!)
        20 g grüner Hafer
        20 g Melisse
        20 g Passionsblume
        10 g Lavendel (wenn man das absolut nicht mag, deutlich weniger – Lavendelblüten sind intensiv)
        10 g Weißdorn
        Ordentlich durchmischen. Dann die übliche TL pro 250 ml Dosis und mindestens 5 Minuten ziehen lassen.
        Ob man ihn süßt und wie hängt vom eigenen Geschmack ab.

      • Wow!!!
        Es gibt wirklich Drahtseildingenstee?? 😀

        Das probier ich aus!
        Ganze Kanne voll!!

      • (Sonnenbäder ist demnächst eh nix 😀 )

      • Super! Dankeschön. Das habe ich mir abgespeichert. Nun muss ich bloß mal sehen, wo ich diese Zutaten bekomme.

      • Für mich ist das einfach, ich gehe zu einem Kräuterladen, der Tee und Bonbons verkauft – und eben auch Küchenkräuter. Bei uns auf dem Weihnachtsmarkt steht auch immer eine Hütte mit Kräuterzutaten. Sonst kann dir bestimmt eine Apotheke helfen!

      • Na, Süditalien ist nicht gerade ein optimaler Ort für Teefreunde. 😉 Ich werd’s mal in der Apotheke probieren. Danke auf jeden Fall für den Tipp! Vielleicht kann ich einige Pflanzen im nächsten Jahr selbst anbauen. Melisse und Lavendel hätte ich nämlich schon.

      • Online-Versand gibt es auch zum Thema Kräuter .. in der heutigen Digital-Zeit ist man ja nicht mehr auf einen Laden vor Ort angewiesen. Einfach mal googeln. Grüner Hafer – könnte Haferkraut sein …

      • Nur so als Tipp:
        Johanniskraut beeinträchtigt die Wirkung der Pille!
        Nicht das in ein paar Jahren eine weitere Episode kommt… 😉

      • Hör auf, Mensch, ich erschieß mich!! 😀

      • Ich weiß nun nicht, in welchen Konzentrationen man dieses Kraut anwenden muss, um einen Anti-Pillen-Effekt hervorzurufen. Ob Tees da auch betroffen sind, oder nur Johanniskraut in der Konzentration in der es gegen Winterdepressionen verschrieben wird. Da sollte man, oder besser frau, ihre Ärztin oder Apothekerin befragen.

      • Och, der Tee könnte durchaus reichen.
        Ich würde nicht empfehlen, es drauf ankommen zu lassen.
        Es sei denn…

      • ICH bin aus der Nummer raus, seit mir meine *insert swearword of choice* Gyn mit den Worten ich sei zu fett und alt *ok, sie hat es etwas überzuckert* ein weiteres Rezept vorenthielt – das war vor 8 Jahren.
        Als könnte ich nicht selber entscheiden, ob ich ein Risiko eingehen möchte, oder nicht. Ich war schon über 3×7 … Auch schon jenseits meines MHD. (Wir wissen doch alle, eine Frau mit Charakter erschießt sich an ihrem 30. Geburtstag und der war schon ewig vorbei).

    • ich hab da auch keine Idee … 😉
      Aber zu den Glubsch-Viechern: Wenn man’s genau betrachtet, ist es besser, sie sammelt die kleinen Viecher, als zum Beispiel Barbies. Oder Kräne. Bei den Ersten krieg ich das Reihern, beim Zweiten wüsste ich nicht wohin mit. 🙂

      • Und stapelt mal jemand Kräne in einen MaxiCosi!

      • Ja, so gesehen… 😉

        Meine Eltern hatten eher das Problem, dass ich lebende Tiere angeschleppt brachte. Hauptsächlich kleine Katzen aus Heuschobern auf den Feldern. *lol* Das wünsche ich Dir auch nicht.

  10. Wunderbar! Wunderbar!
    Ich liebe deine Geschichten aus dem Alltag!
    Und so ist es einfach!
    Ich fühle mich bei euch richtig zu Hause!
    ❤ ❤ ❤
    Liebe Grüße
    Maria!

    • Tief verneigt und bedankt! 🙂
      Darfst sehr gerne zum Kaffee vorbei kommen.
      Ich leihe auch gerne den ein oder anderen für eine Weile her … 🙂

      • Danke für die Einladung! 🙂
        Zum Kaffee komme ich sehr gerne! 🙂
        Und ja, Fräulein Entzückend wäre überglücklich, wenn ich dein Geflügel mal ausleihen würde!
        🙂 🙂 🙂

  11. Ich liebe deine Familie. Ohne Witz! 🙂

  12. Wie schön war es doch, als die Zeit der Schlümpfe „in“ war. Das waren wahre kerle und keine Aliens…

  13. Hallo Anke, ich finde Deinen Blog toll, darum habe ich Dich für den `Liebster-Award` nominiert. Gruß, Andreas
    http://andiau.wordpress.com/2014/11/18/der-liebster-award-da-mache-ich-mit/

  14. Toll geschrieben, ich schmunzle vor mich hin und denke gerade: Wie gut, dass wir all diese Themen haben, sonst gäbs ja nichts zu Schreiben! Danke 🙂

  15. 😀
    Wie ihr das immer so alles hinkriegt: Wo bitte gehts denn zum Beitrag? 😀
    Frau Geflügelzüchterin GoodWord checkt das nicht so fix … 😀

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  1. In bed with… | Nieselpriem

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