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Es menschelt: Hinterfragen Sie das nicht!

11. September 2017

Wie gewöhnlich reihte ich mich Freitag entspannt in den üblichen Feierabendverkehr ein. Zusammen mit den anderen Kraftfahrern schlich ich von eine Mülheimer Baustelle in die nächste, im Radio lief gute Musik, vom Himmel schiffte es beschaulich – was will man mehr.

Doch plötzlich wurde der Song von einer wohlklingenden Moderatorenstimme unterbrochen: Unsere Frau Kanzler hätte Stralsunder Grundschülern gestanden, dass sie im Deutschunterricht in der Schule geschummelt hätte. Wer mehr darüber wissen wolle, sollte dran bleiben.

Ich sofort hellwach und drehte das Radio lauter!

Genau in dem Moment, als die im Radio die Anekdote einspielten, kriegten sich aber vor mir zwei Autofahrer in die Haare. Sie waren sich wegen des Reißverschlussverfahrens uneinig. Nun konnte mir das eigentlich Brause sein, doch sie trugen ihren Hahnenkampf per Dauerhupen aus. Kurz überlegte ich, ob ich mitmischen und denen den Marsch blasen sollte, unterließ das aber. Stattdessen drehte ich die Lautstärke bis zum Anschlag.

So kam es, dass die Einleitung, in welcher es vermutlich um die Häufigkeit des reginalen Schulschwindels ging, an mir vorbeisauste und ich erst ab der Kanzlerin Beichte folgte:

„Als wir früher dicke Bücher lesen mussten, haben wir uns auch mal eins geteilt. Der Eine hat die erste Hälfte gelesen, der Andere die zweite. Dann haben wir, wenn uns unser Lehrer später gefragt hat, was drinnen stand, unser Wissen zusammengetragen. – Aber ihr lest ja aus Freude.“

Mit Verlaub: Wie soll denn das funktioniert haben?
Wenn der Lehrer im Unterricht die kleine Frau Kanzler fragte: „Was hat denn die Mutter gesagt, als Konrad mit dem Waschmachinenschlauch den brennenden Toaster löschte?“
Da kann die kleine Frau Kanzler doch nicht geantwortet haben: „Einen Moment, da muss ich mich erst mit dem Franz besprechen!“

Nun gehe ich ja so weit mit, dass es möglich ist, dass die Wissensabfrage nicht im Frontalunterricht, sondern schriftlich erfolgte: Doch da soll die kleine Frau Kanzler sich mal nicht bei erwischen lassen haben, wenn sie beim Franzl spickte! So ein Lehrer ist ja auch nicht blöd.

Kann auch sein, dass der uckermarksche Lehrer gar nicht herausfinden wollte, welches seiner Schäfchen lediglich zwei Wochen mit dem Buch Blümchen gepresst hatte. Kann ja sein, dass er seine inhaltlichen Fragen nur an die richtete, die sich meldeten. Dann wäre sie damit durchgekommen (Das widerspricht allerdings meiner Erfahrung als Schüler und Schülermutter).
Doch betrachtet man diese Leseteilung unter dem sozialen Aspekt, ist die ganz und gar nicht korrekt! Für die kleine Frau Kanzler mag das gegangen sein: Die hat mit dem Schinken einfach in der Mitte aufgehört – aber jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie sind der arme Franz!
Der wusste beim Start seiner Lektüre nicht mal, dass Konrads Mutter einen Sohn gebar, dass sie einen verdammten Toaster nebst Waschmaschine besitzt und wieso es überhaupt einen interessiert, was es mit dem Bengel und der Alten auf sich hat. Ganz im Gegenteil, der hätte da ein Lehrbeispiel zur Volksweisheit erhalten: Den Letzten beißen die Hunde. Und das gehört sich ja wohl nicht, dass der arme Junge in der Schule in den Schrank gesperrt wird!

Ich war ja auch mal Schüler und außerdem bin ich Mutter zweier grundverschiedener Schüler. Ich las damals tatsächlich aus Freude. Noch vor jedem ersten Schultag hatte ich das Deutschbuch ausgelesen. Mein Geflügel liest brav, was man ihm in der Schule aufträgt – und mein Pubi macht eher nichts, der vergisst lieber seine Hausaufgaben. Wir drei bilden einen guten Querschnitt durch die Schulgesellschaft.

Ich bin dem Schummeln in der Schule ja auch nicht abgeneigt, aber wer sich solidarisiert, der soll sich das so wohl überlegen, dass mir nicht aus dem Stand die Argumente einfallen, warum das nicht zusammenpasst.

Habe ich eigentlich eine Möglichkeit übersehen, wie die Sache mit der Buchleseteilung gelaufen sein könnte?
Ich grübele da jetzt seit Freitag daran herum …

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From → Kolumnen

62 Kommentare
  1. Liebe im Regen stehende Schummlerin GoodWord!

    Leider kann ich auf die unten gestellte Frage keine fundierte Antwort geben, da ich aus Zeitgründen nur den zweiten Teil dieser hoch brisanten Geschichte gelesen habe. Den ersten Teil muss ich mir einfach mal dazu reimen. ich habe gehört, dass die Kanzlerin zu diesem Thema mal etwas gesagt haben soll. Aber ich konnte das Interview nicht hören, da ich zu dieser Zeit im Stau gestanden bin 🙂

    Herzliche Grüße von der Weide
    Mallybeau

  2. 😊 Schlimmer gehts immer- ich kenne enge Familienangehörige…hüstel, die bei Schullektüren regelmäßig einnickten und sich ihr Halbwissen aus Königs Interpretationen holten…klappte auch 🐖🤓

  3. Ich schmeiß mich weg …. Also, für mich hört sich das schwer nach einer Anekdote im Sinne von „Wir schaffen das!“ an: Keiner weiß wie, aber komm, is egal – wir schaffen das. Scheint im Deutschunterricht ja gefunzt zu haben. Dann besteht ja Hoffnung. 😉

  4. Wenn der Lehrkörper später gefragt hat, kann das schriftlich gewesen sein.
    Da kann gruppendynamisch geantwortet werden.
    Das ist ja auch so. Wer ordentlich die populären DAG_Jahrbücher gelesen hat, z.B. https://issuu.com/blinkfeuer/docs/dag_jahr_2015, Abtlg. August, müsste ja nicht nach Diebels fragen.
    Denn wer nur die 1. Hälfte liest muss hinterher wen fragen. Tja, isso!

  5. wenn DU etwas „übersehen“ hast … dann sicher absichtlich … denn in *meiner Welt* würdest DU niemals einen Fehler machen … *attenzione SCHLEIMSPUR* 😎

  6. Ich seh schon, du bist in derlei Dingen nicht versiert 🙂
    Das Gute ist ja, dass man einen Mund zum Sprechen hat und ich bin mir sicher, dass sich die beiden bezüglich des Inhalts ausgetauscht haben. So habe ich das jedenfalls gemacht. So blöd waren wir dann eben doch nicht. Natürlich hat man sich vorbereitet. Mein Buch war voll mit Spickzetteln, auf welcher Seite ich welches wichtige Zitat finde und was im allgemeinen passiert. Der Rest war einfaches Schwafeln. Ich habe sogar deutlich weniger als die Hälfte des Buches gelesen und trotzdem an Ende eine 2 für die Klausur bekommen.
    Man war eben nur faul, aber eben nicht blöd.

  7. Herrlich, die Story! Und nein – ich habe keine Lösung für den letzten, den die Hunde beißen. Ich habe nur den Protagonisten Martin Schulz, bei dem es ja immerzu menschelt. Quasi minütlich. Entweder menschelt er mit Nachbarn (davon hat er anscheinend mehr, als das gesamte Universum aufzubieten hat), oder er menschelt bei You tube.
    Jedenfalls saß er mit 4 schicken Youngsters im YT Studio zum Interview. Nach Mutti Merkel. Und wurde gefragt, was das Schlimmste gewesen sei, was er in seiner Jugend verbrochen hätte. Er sagte: „Das Schlimmste kann ich hier nicht erzählen. Aber das Zweitschlimmste. Er ließ sich noch zewrimal bitten und dann erzählte er: Als Jugendlicher habe ich einen Karton Seifenpulver ins öffentliche Schwimmbad geschüttet! Dazu musste ich über einen Zaun klettern. Die Polizei hat mich nicht erwischt.“ Staunen bei der Fragestellerin.
    Ich dagegen denke: Ein Mann, der nicht mehr aufzuweisen hat, als Seifenpulver im Schwimmbecken, der hat nicht genug Chuzpe, um Kanzler zu werden. Der soll lieber mit den Nachbarn im Bierzelt menscheln.

    • 😀 😀 😀
      Das kann ja nur noch bergab gehen mit uns! 😀
      Die vielen Schulzschen Nachbarn wundern mich auch … Wie groß ist denn das Haus?
      Oder wohnt er in einem der Mülheimer Forumsblöcke? Weiß man da was?

  8. Ich glaube, der wohnt in einem Reihen- oder Einfamilienhaus in Krautsalat – oder so ähnlich. Ne, warte, Würstelchen oder Würselen oder so … hat mir einer seiner 4,6 Milliarden Nachbarn erzählt.
    Jedenfalls hat der Martin Nachbarn UND Humor: Heute hat er der Angela angeboten, dass er einen Platz als Vizekanzlerin für sie freischaufelt, wenn er Kanzler ist.

    Der ist genauso lustig, wie der türkische Woody Allen, der Reisewarnungen ausgibt. Haha.

  9. Mutti hat halt die erste Hälfte gelesen und kurz zusammengefasst und der Mit-Schüler hat die erste Hälftenzusammenfassung gelesen, dann die zweite Hälfte gelesen und zusammengefasst – und Mutti das dann gelesen – und schwupps … war jeder im Bilde. Meine Güte, ist doch nicht schwer.

    Ich wollte allerdings immer selber lesen.

    • Mann, wenn die das so komplex abgehandelt haben, hätte das besser gleich jeder für sichgemacht. 😀
      Von sinnvoller Arbeitsteilung und Zeitersparnis lese ich da nichts 😀

      • Naja, jeder von denen brauchte nur eine Hälfte zu lesen – und eine Zusammenfassung. Und man hatte so für die eigene Hälfte auch gleich einen Lerneffekt.

      • Vorhin habe ich im Radio gehört: Herr Schulz fordert Frau Merkel erneut zum Duell. Bestimmt fragt er sie, wie das sich das damals nun genau zugetragen hat. Ich werde ganz aufmerksam lauschen! 🙂

  10. Was glaubst du, was für Schummel- und Spickmöglichkeiten es gab. Hast du nie den Kick verspürt geschummelt zu haben, nicht erwischt worden zu sein, das Adrenalin bis in die Haarspitzen gefühlt zu haben…?
    Das habe ich ausgekostet bis zum 2. Staatsexamen :mrgreen: 🙂 .

  11. Die kleine Frau Kanzler wußte demzufolge nie aus erster Hand, wie die Geschichte ausgeht. Ergo: Mut zur Lücke, sie bewertet Böhmermann ja auch am bild.de-Zusammenschnitt.
    Bücher, die in der Nachkriegs-Uckermark Toaster enthielten, kamen mutmaßlich von der klassenfeindlichen Verwandtschaft und waren für eine spätere „Karriere“ nicht relevant.
    Der kleinen Frau Kanzler ging es wahrscheinlich sowieso nicht um Inhalte, sondern um Lösungs- oder Vermeidungsstrategien.
    Lassen sich hier irgendwelche früh angelegten und gut eingeschliffenen Verhaltensmuster entdecken?

    Oder ist es schlichtweg Wahlkampf und einige Tage zuvor hat der Herr Schulz irgendwelchen Youtubern einen Schüler- Schabernack „gestanden“ und die Frau Kanzler kramt nun auch ein Anekdötchen hervor? 😉

  12. mir scheint, die Frau hielt nicht nur ihre Lehrinnen für blöd, sondern auch die Hörer dieses Beitrags. Noch nicht mal gut flunkern kann sie… meine Güte

  13. Tatsächlich läuft das Spiel so: Der Deutschlehrer will es entweder nicht wissen oder er weiß genau, dass nur die Hälfte, ein Drittel, ein Viertel, ein Fünftel oder niemand das fragliche Buch gelesen hat. Weil ihm nichts einfällt, wie er das ändern kann, erzählt er den Schülern etwas davon, wie wichtig es sei, das Buch daheim zu lesen. Spätestens beim dritten Buch hat sich bei den Schülern rumgesprochen, das es auch ohne geht oder die Inhaltsangabe der Wikipedia völlig ausreicht. –
    So geht das nun schon seit dem 19. Jahrhundert, mindestens, denn so lange gibt es „Königs Erläuterungen“ etc. Was nichts daran ändert, das das Spiel immer so weiter geht. Da muss der Lehrer schon die Regeln ändern und sich mal was anderes einfallen lassen. Möglich ist das.

    • Warum kamen/kommen bloß weder ich noch meine Sprosse an solchen Lehrer? Das Leben wär so schön 😀
      Bei uns hat sich noch nie einer mit der Oberfläche zufrieden gegeben. Wir sind irgendwie immer am falschen Platz. 😉

  14. Jeder nur eine Hälfte des Bu?
    Das wäre ja so, als wenn jemand mitten im Satz.

    ;-))

    • Eben. Da muss man sich den Rest oder den Anfang denken. In beiden Fällen beschäftigt man sich in Summe mehr mit der Schwarte, als hätte man sie komplett hinhalliert. 🙂

  15. Ich lese gerade einen Sience-Fiction-Roman in dem man den Hirninhalt downloaden kann (sogar auch alles, was in der Seele ist!) So kann das im Todesfall in einen neuen Körper upgeloadet werden und schwups ist man wieder komplett. Wenn nun die Kanzlerin schon so’n Ding implantiert hat, konnte sie ihre Buchhälfte mit Paste & Copy austauschen.
    (Stellen Sie sich vor, die Kanzlerin hat wirklich so ein Feature – dann kann sie unser beliebige Jahrtausende erhalten bleiben!
    (Anm. für Lo – bei der SPD wären es ja nur Jahrzente (OHNE „h“)

    • Um Himmels Willen! :-O
      Welch gruselige Vorstellung!
      Lesen schafft schlaflose Nächte, ich wusste es 🙂
      (Was hat es denn mit dem ‚h‘ für Lo auf sich: Hatten Sie, lieber Herr Heinrich, letztens eines unterschlagen? 😀 )

  16. Ich habe jetzt die anderen Kommentare nicht gelesen, aber wenn jeder dem anderen eine Zusammenfassung gibt, dann geht das schon, wenn es nicht zu sehr ins Detail geht. Ich habe mal ein ganzes Buch nicht gelesen im Deutschunterricht sondern nur die Erörterung – und hab trotzdem ne drei geschrieben. Ökonomisches Prinzip und so halt 😉

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