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30 Jahre Deutsche Einheit – Ein Wendekrimi

3. Oktober 2020

Hi Leute!
Zu keinem unserer freudigen Einheitsanlässe war es mir bisher gelungen, Euch diese alte Kriminalgeschichte rechtzeitig zu präsentieren! Genaugenommen war es mir schlicht überm Feiern entfallen.
Aber beim 30-Jährigen, da switchte mir der Fall rechtzeitig auf dem Schirm!
Schlummert seit fast 20 Jahren in meinen Dateien … 🙂

Ist bisschen ungewohnt länger, also legt die Füße hoch! ❤

Und frohen Feiertag übrigens! ❤


Die Brüder Kallauch

  1. I. Henning

Seit einer Stunde hockte Henning nun schon im Bad und starrte vor sich hin. Ruhig war es, aber nicht still. Durch das gekippte Fenster drang Kälte und der Fernsehlärm von nebenan. Dumpf ließen sich Stimmen aus anderen Wohnungen vernehmen; ab und an das laute Röhren eines Trabis – im Plattenbau wurde es niemals still.

Doch das nahm Henning kaum wahr. Er dachte an frühere, bessere Zeiten. Als er ein Lehrer war und es leidenschaftlich liebte, wenn die Schüler ihre eigenen Ideen entwickelten und sich vom Stoff des Lehrplans lösten. Einmal, kurz vor den Weihnachtsferien, hatte er ihnen ein Aufsatzthema gestellt: Das gefällt mir nicht, an der DDR. Seine achte Klasse war nach anfänglichem Zögern über sich hinausgewachsen. Wirklich alle schrieben sie fleißig. Vielfach klang noch ihr bedauerndes Och! in seinen Ohren, welches mit dem Pausenklingelzeichen ertönte. Einige Zeit später erschienen zwei Herren der Staatssicherheit und nahmen ihn mit. Sie ließen ihn nicht wieder gehen – für ganze vier Jahre nicht. Obwohl sein älterer Zwillingsbruder aktives Parteimitglied und für irgendein Ministerium tätig war. Erich hatte ihn nicht ein einziges Mal während der langen Haftzeit besucht. Naja, sicherlich sorgte ihn seine Karriere. Vermutlich konnte er es sich nicht leisten, mit einem politisch umtriebigen Bruder engen Kontakt zu pflegen. Spitzel gibt’s eben überall…

„Henning!“, rief plötzlich die Mutter aus dem Wohnzimmer, „Henning!“ 

„Ja?“ Henning gab mechanisch Antwort. Er wollte sich nicht von seinen Gedanken lösen. Heute morgen hatten SIE ihn plötzlich entlassen. Einfach so, ohne Vorankündigung.  Einer der Aufseher war in seine Zelle gekommen: „Backn Se Ihre Siemsachn, Kallauch, in ner halbm Stunde ham Se’s überstandn!“  – Und dann stand er tatsächlich vor dem Tor.  

Doch was sollte nun werden? Mit seiner Akte könnte er bestenfalls noch als Hilfspacker im VEB NARVA unterkommen.

„Schnell!“ – Die Mutter schrie: „Im Fernsehen!“ 

Henning betätigte den Spülknopf, zog die Hose hoch.

 „Der Schabowski…“ – wieder die Stimme seiner Mutter. Im Treppenhaus wurde es lebendig. Eine Wohnungstür flog krachend gegen die Wand, Jubelgeschrei, Anfeuerungsrufe wie MACH HIN! und BEEIL DICH DOCH! waren zu vernehmen, schwere Schuhe donnerten den Flur entlang, die Treppe hinab. Ein schrilles WARTE! direkt vor der Wohnungstür. Henning schenkte sich das Händewaschen. Er stürzte ins Wohnzimmer. Die Mutter saß starr vor dem Fernseher. „Die Grenzen sind offen“, sagte sie fassungslos. „Schau doch… wir können rüber.“

Das Leben kam in sie zurück. Sie sprang auf, umhalste Henning. Widerstandslos wie eine Marionette ließ er es geschehen, starrte unverwandt auf die Mattscheibe. Dann riss er sich los. „Ich muss das selber sehen!“ – ratschte die Jacke vom Hacken und stürmte aus der Wohnung. Im Treppenhaus sechs Stockwerke Drängeln und Schieben nach unten – für gewöhnlich traf man hier weniger Nachbarn. Nicht einer der runterwärts Strebenden kam Henning bekannt vor – lange war er weg gewesen. Der Fahrstuhl steckte mit geöffneten Türen und einem Leib voller Menschen zwischen drittem  und viertem Stock. Wohl dem, der laufen kann. Vorwärtsstrebende Menschen auf der Straße. Wie zur Maikundgebung oder zur Ferienzeit. Sie drängten Richtung Westen – glückliche, erwartungsfrohe Gesichter. Henning lief mit. Die Grenzen offen – sollte es sich um einen Scherz handeln oder einen Test und jeder, unterwegs zum goldenen Westen, würde einkassiert? Der nächstgelegene Grenzübergang hieß Oberbaumbrücke. Geschickt umrundete Henning eine Frau mit Kinderwagen; ältere Menschen und Leute mit kleinen Kindern kamen langsamer voran. Noch waren unterschiedliche Geschwindigkeiten möglich. Je näher die Grenze kam, desto dichter wurde der Menschenstrom. Aus Hauseingängen kamen sie, aus Nebenstraßen – von überall her drängten sie auf die Sonnenallee. Die Fahrbahn war mit laufenden Menschen verstopft. Scheinwerfer, Hupen – Autos kamen nicht weiter. Manch einer ließ sein Fahrzeug stehen wo es stand und lief mit. Schneller, schneller, ich will zuerst drüber sein. Hier hätte man zur Oberbaumbrücke abbiegen müssen. Es war unmöglich, aus der Masse auszuscheren. Der Mob walzte vorwärts. Henning mittendrin. Weiter vorn kam die Mauer in Sicht. Hell angestrahlt, wie es schien von beiden Seiten der Grenze. Darauf und davor herrschte Volksfeststimmung. Hunderte von Menschen vor der Mauer und nicht ganz so viele obendrauf. Sie lagen sich in den Armen, tanzten, weinten, lachten, tranken Sekt, schwangen Bierflaschen, stießen Victory-Zeichen in die Luft. Das war kein Test: Das war real! Sie halfen einander die Mauer zu erklimmen – eigenartig mühelos sah das aus. Hie und da fiel einer wieder herunter – gar zu dicht war das Gedränge auf dem Grat. Immer mehr Menschen strebten auf die Mauer. Bereitwillig halfen die Umstehenden. Langsam, ganz langsam, wurde Henning  an das Bollwerk gegen den Kapitalismus herangeschoben. Zwei junge Mädchen neben ihm kreischte unaufhörlich. Andere auch, aber die standen nicht so dicht an Henning gepresst. Er versuchte, mit der linken Hand sein Ohr zu schützen. Fast schaffte er es nicht, die Hand zum Kopf zu führen – da war kein Raum. Die Schleife von Hennings rechtem Schuhband löste sich im Gedränge. Träge schliff der Schnürsenkel über den Boden – Henning beachtete es nicht. Eng wie in einer prall gefüllte Reisetasche ging es zu. Endlich erreichte er die Mauer. Die linke Hand vom Ohr zur Mauer führend, berührte er ungläubig den rauen Putz. Es wurde gedrückt und geschoben – wie einen Stützpfeiler drückte er den Arm gegen die Mauer: Abstand halten! So nahe… Er hätte nicht geglaubt jemals bis hier vorzudringen. Ein hilfreicher Arm streckte sich ihm von oben entgegen. Ein zweiter. Dankbar nahm er die anonymen Arme, die zu lachenden Gesichtern gehörten. Ein starker Arm packte ihn am Jackenkragen, zog nach oben. Seine Füße stemmten kletternd gegen die Barriere. Von unten wurde er geschoben. Hände pressten kräftig gegen seinen Hosenboden. Jemand stützte sein linkes Bein im Räuberleiter-Griff. Er schaffte es. Erst auf die Knie… dann aufrichten – Vorsichtig! – bloß nicht zu weit über den Rand beugen. Jetzt stand Henning gerade. Unfassbar! Die zuckende strahlend fremde Stadt lag ihm zu Füßen. Da erfasste ihn die Ekstase der anderen. Ihnen gleich, riss er jubeln die Arme in die Höhe, seine Beine tanzten den Rhythmus des Nachbarn. Von links wurde ihm eine  Flasche König-Pilsener gereicht. Siegestrunken setzte er die Flasche an. Das Bier lief ihm rechts und links am Mund vorbei. Es störte ihn nicht. Als er die Pilsflasche weiterreichte, empfing er den Schlag einer freudentaumelnden Flasche Rotkäppchensekt zwischen den Schulterblättern. Er ruderte mit den Armen, wollte das rechte Bein austarierend in die Höhe werfen – allein das Bein ließ sich nicht abspreizen. Hennings linker Fuß stand auf dem offenen Schuhband. Wie festgebunden ruderte Henning und fiel ganz langsam kopfüber in den Westen. 

Manchmal scheint das Schicksal einen nicht entrinnen lassen zu wollen. Die Menschenmasse im Westen hätte seinen Sturz abfedern müssen, wie Peter Gabriels legendäre Stage-Divings während seiner Konzerte – aber genau da, wo Henning herunterkrachte, teilte ein rechtwinklig von der Mauer weglaufender schmiedeeiserner Zaun, mit Lanzen als Spitzen, die Jubelnden. Henning starb am 10. November 1989 in einem Kreuzberger Krankenhaus.  

  1. II. Erich

Sie riefen ihn zurück. Ohne eine endgültige Beurteilung abgeben zu können, sollte er Ungarn verlassen. Pflichtbewusst wie immer gehorchte er: brach seine Zelte ab und saß nun mit zwei Koffern im Express der Reichsbahn nach Berlin. Er hatte ein erster Klasse Ticket gelöst. Im Abteil der ersten Klasse reisten für gewöhnlich wenige Touristen. Weiter vorn saß eine Frau mittleren Alters, sicher Ungarin. Auffällig geschminkt, mit langen schwarzen Locken, die fast vollständig die Kopfhörer auf ihren Ohren verbargen. Sie schien zu schlafen. Im Abteil hinter ihm ein würdig aussehenden älterer Herr. Er saß bereits im Zug, als Erich im letzten Moment in Budapest zustieg. Geübt war Erichs Blick über die ausgebreiteten Unterlagen des Herrn geglitten. Deutscher; irgendetwas hatte er mit Wismut Gera zu tun. Über der grafischen Darstellung einer Bodenprobe stand die Adresse. Vermutlich sollen neue Uranvorkommen erschlossen werden, dachte Erich gleichgültig. Sein Magen knurrte – er hatte seit dem Frühstück nichts gegessen. Weitere Fahrgäste gab es nicht. 

Erich machte es sich bequem. Er löste den oberen Knopf seines Hemdes und lockerte die Krawatte.

Ursprünglich war er gegen Ende des Frühjahres zur Diplomatenschule nach Budapest gerufen worden. Es galt, die hoffnungsvollsten Abiturienten unter die Lupe zu nehmen und Nachwuchs für das Ministerium zu rekrutieren. Um seiner Arbeit ohne besonderes Aufsehen nachkommen zu können, reiste er offiziell als Austauschlehrer für Geschichte. Reibungslos, wie immer, hatte das Ministerium dafür gesorgt, dass der Lehrer, welcher den Posten sonst innehatte, zum Austausch an eine Oberschule nach Dresden geladen war. Bald nachdem er seine Arbeit aufgenommen hatte, waren Karawanen von ostdeutschen Touristen gen Ungarn gezogen und der Run auf die westdeutschen Botschaften in Prag und Budapest begann. Erich konnte das nicht verstehen und ein großes Hassgefühl schwelte in ihm. Hass auf all die Flüchtlinge. Wovor flohen sie; was glaubten sie, im Westen zu finden? Meinten sie, wenn sie in Konzernen ausgebeutet würden, fühlten sie sich freier? War es der Überschwang, der sie lockte? In der DDR gehörte alle Macht dem Volke. Den Arbeitern und Bauern, den Kindern und den alten Leuten. Das war die Zukunft. Da konnte man Leben und sich frei fühlen. Da war Platz zum Entfalten und die Sicherheit um das Sein. Eine starke Grenze schützte dieses blühende Land. Eine starke Grenze und starke Soldaten. Sie verteidigten sein Leben, das der anderen Bürger und auch das dieser undankbaren Flüchtigen gegen die Angriffe des Kapitalismus. Die Lage war prekär. Waren es zu Anfang nur einzelne gewesen, die über die grüne Grenze flüchteten, sammelten sich die Ausreisewilligen bald zu Hunderten in den Botschaften. Seine Schüler versuchten wiederholt, mit ihm über die Vorkommnisse zu sprechen, doch er blockte. Zu Anfang tat er die Geflohenen als charakterlose Subjekte, vom Klassenfeind Verblendete, ab, dann, als ihrer Zahl mehr wurden,  beschloss er, die offizielle Stellungnahme des Ministeriums abzuwarten. Akribisch notierte er derweil die Äußerungen der zu Überprüfenden und verwahrte sie in seinem roten Aktenordner. Die Stellungnahme blieb aus – es existierte kein Problem. Stattdessen war er heute abberufen worden. Zwei Telegramme brachte ihm die Sekretärin am Morgen in seine Unterrichtsstunde. Das erste vom Ministerium, er solle sich unverzüglich im Hauptquartier einfinden. Nicht ganz zehn Minuten später klopfte die Sekretärin erneut mit einem Telegramm zwischen den Fingerspitzen mit den abgekauten Nägeln: Das Telegram war von seiner Mutter. Er hatte es stirnrunzelnd gelesen, zusammengekniffen und in seiner Jackettasche verschwinden lassen. IN KÜRZE ERREICHEN WIR USTI! – ertönte die stark akzentuierte Stimme des Zugführers. Erich machte sich bereit. Gleich würden die tschechischen Zöllner kommen, er würde seinen Diplomatenpass vorweisen, der Zöllner würde ein wenig zusammenfahren und ihm pflichtschuldig und unterwürfig seinen Pass zurück geben. Erbarmungslos kniff der Hunger in Erichs Magenwände. Der Mitropa-Waggon war kurz nach Bratislava abgekoppelt worden, irgendein technischer Defekt. 

Der Zug hielt am Transitgleis. Erich überlegte, ob er den Halt nutzen, einen Kiosk aufsuchen könnte. Er vertagte es – am Bahnsteig drängten dicht die Reisenden. Auch das 1.-Klasse-Abteil füllte sich. Vor Erich ließen sich vier mit Louis-Tränker-Rucksäcken beladenen langhaarige Typen nieder. Drei Männer und eine Frau. Sie trugen zerrissenen Hosen – in Allem recht ungepflegte Erscheinungen. Erich wollte gerade mit unmissverständlichem Ton auf die hintere 2.-Klasse verweisen, als die vier ihr anscheinend während des Einsteigens unterbrochenes Gespräch fortsetzten.

„Dat hasse wirklich im Fernseh gesehen, dat der Rene et geschafft hat?“ 

Das waren westdeutsche Klänge, die Erich vernahm. Da war er sicher. Nur in der Bestimmung des Dialektes nicht ganz. Ruhrgebiet, vermutete er. Schlagartig stellte er jedoch seine Überlegungen ein, als er die Frau antworten hörte: „Klar, Man, heute in’ner Tagesschau war et, dat war so ein Ausschnitt, dat war die Flucht vom Rene, wie er vor dem Kameramann durch dat Maisfeld rennt, bis nach Österreich rein…“

„Wat war’n dat für’n Kameramann?“ fragte einer der Langhaarigen dazwischen.

„Dat war einer von NBC. Der hat den Rene vor de Botschaft in Budapest angesprochen und zur Flucht angestachelt.“

„Und dat weisste sicher, dat dat der Rene war?“, fragte ein anderer.

„Dat war eindeutig. Dat war der gekringelte Zopf und der dämliche sächsische Dialekt.“ Die vier lachten.

Erich verhielt sich still und lauschte angestrengt. Einer kam ihm zu Hilfe. „Wat macht’n jetzt der Dynamo Dresden, wenn sich der hoffnungsvolle Nachwuchsspieler  in’n Westen verdrückt?“ Erneutes Gelächter.

„Dat nächste Freundschaftsspiel gegen MSV-Duisburg verlieren!“  Sollte es sich um Rene Gobel handeln? Erich ließ sich gegen die Lehne fallen. 

„Ihre Fahrkarte, Bitte!“ urplötzlich war die Schaffnerin neben ihm aufgetaucht. Mechanisch zog er seine Fahrkarte aus der Jackettasche. Ohne dass er es merkte, fiel dabei das Telegramm der Mutter zu Boden. Lächelnd reichte die Schaffnerin Erich das gelochte Ticket. Sie ging weiter zu den Langhaarigen. „Sie haben nur eine Fahrkarte für die zweite Klasse gelöst!“, hörte er die Kontrolleurin streng sagen. „Sie müssen Nachlösegebühr zahlen!“ – Die Langhaarigen warfen ihren ganzen Charme ins Zeug und begannen mit der amtlichen Person zu verhandeln. Erich hörte nicht mehr hin. Er hatte das auf dem Boden liegende Telegramm entdeckt. Unauffällig hob er es auf und faltete es zwischen seinen Händen geschützt auseinander. „Henning kommt raus STOP Amnestie STOP M. STOP“ Unter viel Gelächter brachen die Langhaarigen in die 2.-Klasse auf. An der Tür prallten sie mit einer Herde grölender Halbtrunkener zusammen, die in einer Freudenpolonaise durch den Zug rumpelten. Erich konnte nicht verstehen, was sie jubelten, so heiser waren sie. Er schnappte den letzten am Kragen und bellte: „Was gibt’s zu feiern?“

Der Kerl wand ihm das Gesicht zu. Erich sah blutunterlaufene Augen, Speichelreste spritzten ihm ins Gesicht, als der andere zurückkrächzte: „Die Grenzen sind offen, Kumpel, wir können rüber!“ Er umarmte Erich mit zwei bärenstarken Greifarmen, riss seinen Kopf zu sich und klatschte ihm zwei gewaltig feuchte Schmatzer auf beide Wangen. Anschließend schob er den erstarrten Erich kumpelig brutal von sich, wamste ihm die halbvolle Bierflasche gegen die Brust „Nimm, Kumpel!“ schrie er ihm ins Ohr und zog torkelnd den anderen hinterher. Erich sackten die Knie weg.

  1. III. Eins

Beladen mit Umzugskartons und einer Rolle blauer Säcke stieß er die Tür zu Hennings Zimmer auf. Ungelüftet roch es hier und staubig. Am Fenster vorn stand eine vertrocknete Sansevieria. Die ehemals dickfleischigen Blätter hingen braun und plastisch gebogen über den Topfrand. 

Erich zwängte sich durch die Türöffnung und blieb mit seiner Ladung an der nur angelehnten Tür des Kleiderschrankes hängen. Quietschend zog er die Türe hinter sich auf. Ohne sich umzuschauen, gab er ihr einen Tritt mit der Hacke. Die Tür federte kurz ins Schloss, prallte elastisch wieder ab und landete in seinem Kreuz. Erich fluchte leise. Energisch wand er sich der Tür zu, schlug kraftvoll davor und ehe sie wieder aufschnippen konnte, presste er die rechte Handfläche dagegen. Zwei Schritte bis zum Fenster. Auf der Fensterbank lag ein Zettel: „Nur  das Zeug mitnehmen! Möbel hier lassen!“ – Kein Gruß. Das Fenster klemmte. Erich riss am Griff. Plötzlich gab der Rahmen den beweglichen Teil des Fensters frei. Ein Windstoß hob den Zettel an und führte ihn mit sich fort. Erich schaute der schaukelnd der Erde zuschwebenden Anweisung nach. Sie trudelte über dem Parkplatz. Aus dem hellblau-beigen Trabbi-Teppich mit den roten, weißen und hellgrünen Wartburg-Tupfen war ein aufgelockertes Gewebe aus bunteren Autos geworden. Auch silbergraue und schwarze gab es jetzt, gelbe- und lilafarbene. Die Trabbis, Wartburgs und die vereinzelten Ladas waren verbannt – Opel, VW und Audi, BMW und Mercedes, Mazda und Nissan… so hießen jetzt die Mobile die unten standen. 

Am Abend zuvor hatte die Mutter bei Erich angerufen. Er erkannte ihre Stimme fast nicht, so anders klang sie. Ganz anders als sie geklungen, als sie ihm vor vier Jahren die Tür wies. Die Stimme schien ihm belegt vom Tabak und eine beginnende Alterserschlaffung der Stimmbänder glaubte Erich herauszuhören. Nach anfänglichem Schweigen hatte die Mutter ihn gallig aufgefordert, Hennings Zimmer auszuräumen. Sie wolle das nicht selbst erledigen, er könne sich wenigstens dieses eine Mal nützlich machen – sie würde es nicht verkraften, die Sachen ihres einzigen Sohnes weg zu schaffen, aber sie müsse die Wohnung verlassen, sie könne sich die Miete nicht mehr leisten. Außerdem, so sagte sie, verfüge er ja über genügend Zeit – hier wurde ihre Stimme deutlich hämisch – Aufgaben gäbe es für ihn wohl keine wichtigen. Sie erwarte also, dass er morgen mit der Arbeit beginne. Den Schlüssel fände er unter der Matte. Er brauche sich nicht zu sorgen, ihr über den Weg zu laufen, fügte sie noch hinzu, sie quartiere sich für das Wochenende bei Tante Erna ein. Erich hatte aufbegehren wollen. Wenigstens dieses Gefühl der Nutzlosigkeit, mit welchem er seit der Wende existierte, wollte er nicht auch noch von ihr bescheinigt wissen. Seit das Ministerium nicht mehr bestand, mussten es bald hundert Bewerbungen sein, die er verschickt hatte. Zu Anfang bewarb er sich noch als Lehrer – bis er das wütende Antwortschreiben des Konrektors einer Schule in Sachsen erhielt, er solle sich schämen, bei seiner Vergangenheit auch nur den Versuch zu unternehmen, sich um die Erziehung von Jugendlichen zu bemühen. Dann verlegte er sich auf Sachbearbeiterstellen aus den alten Bundesländern und schließlich waren es auch Hilfsarbeitergesuche, welche er beantwortet. Egal was, er wollte eine Arbeit. Aber es war unmöglich. 

Lange war Erich nicht im ehemaligen Kinderzimmer gewesen. Er schaute sich um. Links das Bett, rechts gegenüber der Schreibtisch, bis zur Tür auf beiden Seiten hohe Schränke. Früher stand in dem Schlauchzimmer anstelle dieses Single- Bettes das Doppelstockbett, welches er sich mit Henning teilte. Natürlich residierte Erich oben. In den fünf Jahren seit Hennings Tod hatte er die Wohnung nur noch zweimal betreten. Das eine Mal zur Beerdigung und das andere Mal am darauffolgenden Weihnachten.

Erich war Familie nicht so wichtig. Er war ein Einzelgänger geblieben, wie schon in der Kindheit. Sentimentales Geschwätz lag ihm nicht. Familienfeier waren ihm von jeher verhasst. Wenn sich die engere und die weitere Familie an der Kaffeetafel von Tante Erna einfand und dann über die ferngebliebenen Verwandten herzog, sich gegenseitig nett verpackte Gemeinheiten unterjubelte oder sich in seltenen Momenten des Einvernehmens erinnerungsduselig über ferne Kindheitserlebnisse austauschte, dann hatte sich Erich meistens unter einem Vorwand erfolgreich aus der Stube zu  entfernen vermocht. Waren es überraschende Bauchschmerzen oder ein unerwarteter Sturz in den flachen Bach hinter dem Haus – Erich flüchtete, wo es ging. Da war es allemal netter, in dem Ameisenhaufen weiter oben am Waldrand herumzustochern. Ganz spannend war es, wenn die Ameisen so aufgescheucht durcheinander rannten und ihre übergroßen weißen Puppen durch die Gegend schleppten, auf der Suche nach Sicherheit. Einmal war dann auch Henning mitgekommen. Henning, dem es sonst in der Kaffeerunde gut gefiel. Erich hatte ihm vom Ameisenhaufen erzählt. Losgegangen war Henning auf ihn,  als er mit einem Stock den Haufen durcheinanderwirbelte und die Tannennadeln und Aststückchen durch die Gegend flogen. Henning sprang ihn von hinten an. Beide kippten in den Ameisenhaufen. Die sowieso schon wilden Arbeiterinnen stürzten sich auf sie und traktierten sie mit ihrer brennenden Ameisensäure. Überall am Körper bildeten sich rote Quaddeln. Drei Tage danach juckte und brannte die Haut noch immer. Jener Nachmittag hatte Hennings Leidenschaft für Ameisen geweckt. Erich trat vor das abgeräumte Klappbett. Um die Wand des Bettes hingen Bilder und Schautafeln der Roten Waldameise. Auf die schien Henning sich in den letzten Jahren spezialisiert zu haben. Neben dem grafischen Querschnitt durch einen Bau, war, in einem Glaskasten aufgefüllt, das Innere eines Ameisenbaus platziert. Die Kammern mit den Eiern, den Larven und den Puppen gruppierten sich über dem Bereich der Königin. Dazwischen saßen in Gängen die Arbeiterinnen, als wollten sie jeden Moment loswimmeln. 

Die überdimensionale Abbildung des Körpers einer Roten Waldameise hing über dem Schreitisch. Darunter baumelte – vormals vermutlich nur provisorisch mit einer Reißzwecke an die Wand gepinnt – ein angegilbter Computerausdruck. Erich riss ihn herunter. Die Reißzwecke sprang durchs Zimmer. Der Inhalt handelte erwartungsgemäß von Henning Leidenschaft. 

Eine Million Waldameisen wiegt 3,5 Kilogramm. 

Die natürlichen Feinde: Schwarz-, Grün-, und Buntspecht, vor allem aber  der Wendehals... und so weiter. Der Zettel schwebte in den Müllsack. 

Hennings Schreibtisch war, wie alles im Zimmer, in vorbildlicher Ordnung. Die Ordnungsliebe war so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit, die sie beide hatten. Erich setzte sich auf den Drehstuhl. Außer einer eingestaubten Stiftschale – spartanisch mit einem Bleistift, einem Kugelschreiber und einem angekauten roten Filsstift ausgestattet – lagen auf dem Schreibtisch nur noch eine Schutzunterlage mit Globusmotiv und darauf eine schwarze Mappe, die zwei Gummibänder straff zuhielten. Erich blies darüber, wartete nicht ab, bis sich der graue Wirbel wieder beruhigte und schlug die Mappe auf. Zuoberst fand er Hennings Entlassungszeugnis aus der Haftanstalt. Darauf stand nicht viel. Henning sei ein vorbildlicher Häftling gewesen, der in der Gefängniswäscherei pünktlich seinen Aufgaben nachkam; aufgrund der politischen Amnestie werde er entlassen und man wünsche ihm alles Gute für seinen weiteren Lebensweg. Erich blätterte um. Es folgten Sozialversicherungsausweis, Impfausweis, Diplom und Schulzeugnisse, eine handvoll Briefe von Studienkollegen und ein wie neu aussehendes schwarzweiß Foto von Hennings Freundin aus Uni-Tagen. Ihres Namens konnte Erich sich nicht mehr entsinnen. 

Hier am Schreibtisch hatte Henning damals gesessen: Heilig-Abend 1984. Der Vater lebte noch. Erich hielt sich bei den Eltern im Wohnzimmer auf. Der Vater und er stritten über Politik. Das war nichts Neues. Einer der Gründe, warum Erich seine Familie selten besuchte. Der Vater war ein Sturschädel, mit dem ließ sich einfach nicht reden. Fing immer wieder von den alten Zeiten der jungen DDR an: Wie gut es doch mit Wilhelm Pieck gelaufen sei und Walter Ulbricht, der war auch noch okay. Aber seit der Honecker das Sagen hat… Erich war diese ewigen Diskussionen leid. Erleichtert erfüllte er da die Bitte der Mutter, Henning zum Essen zu holen. Heiligabend gab es immer Heringssalat. Das hielten schon die Großeltern so, wie man nicht müde wurde zu beteuern auch deren Vorfahren, und nun bestand die Mutter auf dieser Tradition. Henning fühlte sich wohl bei den Eltern – bei der Wohnungsknappheit bekam er sowieso keine Wohnung, außer er heiratete und na ja, die Richtige fand er eben nicht. Ohne anzuklopfen war Erich in das ehemalige Kinderzimmer gegangen. Henning saß über einen Stapel Hefte gebeugt. Wie gewöhnlich war er mit einem dunkelblauen Flauschpullover und einer engen Jeans bekleidet. Erich hatte sich hinter Henning auf dem Bettrand niedergelassen, sorgfältig seine Hosenbeine nach oben gezogen und dabei „Ich soll Dich zum Essen holen“, gesagt. Henning knurrte abwesend und schaute wie gebannt auf das, was da vor ihm auf dem Tisch lag. Wie weggetreten kaute er dabei langsam aber kraftvoll auf seinem roten Filzstift.  Erich war hinter Henning getreten, hatte ihm mit der Faust freundschaftlich auf den Oberarm geboxt und wollte eben den Heringssalat loben, als er erfasste, worauf Henning stierte. In einem aufgeschlagenes Heft, dessen Zeilen der Doppelseite eng mit säuberlicher Tintenschrift gefüllt waren, stand das Thema unterstrichen: „DAS GEFÄLLT MIR NICHT, AN DER DDR“ Erich begann den Text zu studieren. „… ich lebe nicht gern in einem Land, in welchem man eingesperrt wird. Diese Grenze, sie schützt uns nicht nach außen, sondern ist mit Selbstschussanlagen nach innen ausgestattet. Wir sollen gehindert werden, andere Teile der Welt kennen zu lernen. Wer es dennoch wagt, bezahlt mit seinem Leben oder er stellt einen Ausreiseantrag und wandert in den Knast – auch hier ist das Leben vorbei – es sei denn, der Westen kauft einen frei…“

Wie damals sah Erich diesen Text vor sich.

 „Was ist das?“ Fast tonlos hatte er die Frage gestellt. „Deutschunterricht Klasse 8“, lautete Hennings abwesende Antwort. 

Erich hatte nach Luft geschnappt und dann mühsam gestammelt: „Ich geh’ nach Hause… fühl’ mich krank.“

Erich legte die schwarze Mappe in einen Umzugskarton. Dann leerte er die Fächer des Schreibtisches. Mit ihnen war er schnell durch: Büromaterial, welches sich weiterverwenden ließ. 

Er wendete sich dem Kleiderschrank zu. In der linken Schrankseite lagen zuoberst fünf blaue Flauschpullover. Hennings Lieblingspullover –  voneinander nur durch den Grad ihres Verwaschenseins zu unterscheiden. Sie waren eine Weile das obligatorische Weihnachts- und Geburtstagsgeschenk von Tante Erna gewesen. Auch ihn hatte sie mit diesen Pullovern bedacht – nicht begreifen wollend, dass sie nicht seinem Kleidungsstil entsprachen. Erich bevorzugte Anzüge und Kombinationen aus Sakko und Bundfaltenhose. Und blau sowieso nicht, er mochte es gern braun. Braun in allen Variationen. Im Fach darunter die Jeanshosen. Unterwäsche, Socken, ein einziger guter Anzug – den trug Frank zur Diplomübergabe. Und auch auf Vaters Beerdigung, wo er für einen Tag Freigang erhielt. Erich hatte damals kein Wort mit Henning gewechselt, nur verstohlen grüßend die Hand gehoben und Henning hatte blass und irgendwie ängstlich zurückgenickt. 

Bademantel, Winterjacke, Erich kam gut voran. Ganz zu unterst, unter dem dunkelblauen Rucksack mit Rückengestell, fand er Hennings Fotoalbum. Erich begann zu blättern. Die aufgeteilten Seiten der Kindheitsjahre unterschieden sich nicht wesentlich von seinem eigenen Album. Pausbäckige Jungen in karierten Hemden und kurzen Hosen, barfuss in Tante Ernas Garten stehend. Der eine mit einem Stock bewaffnet und verkniffen zu Boden schauend, der andere, mit einem Buch unterm Arm, zufrieden in die Kamera grinsend. Zwei gleich gekleidete Zuckertütenträger beim Fotografen. Sogar er, der kleine Erich, heiter, vollmundig lachend. Es fiel ihm wieder ein: wie die grell geschminkte Fotografin unter: WO-IST-DAS-VÖGELCHEN und CHEESE  rückwärts gegen einen ihrer Scheinwerfer gestoßen war, das Ding beachtlich schwankte und endlich zielsicher auf den Papageienkäfig kippte. Der grüne Vogel ließ sich nicht beruhigen, zeterte den Rest der Session auf das Schrillste. Die Fotografin, sichtlich genervt, wollte abbrechen, aber Mutter bestand darauf, die Fotos zuende zu bringen – „Die Jungen noch mal sauber hierher kriegen?“, hatte  sie zur Fotografin  gesagt, wobei sie sich die Ohren zuhielt – „Wo denken Sie hin!“ 

Es folgten ein Klassenfoto und ein brüderliches Faschingsbild: Henning als Naturforscher und er als Polizist verkleidet.  Weiter hinten wartete ein Häuflein Fotos auf das Einkleben, die Erich nicht kannte. Fotos aus der Studienzeit und einige von Hennings gemeinsamen Kletter-Urlaub mit Frank Meyer in der Sächsischen Schweiz. Auf einem Bild hockten beide um einen einflammigen Campingkocher vor einem schiefen kleine Zelt und rührten in ihrem blechernen Kochgeschirr. Erich las die Bleistiftnotiz auf der Rückseite: Basislager, am Tag bevor es der Sturm zerstörte. Fürs Klettern hatte Erich noch nie etwas übrig gehabt. Er klappte das Album zusammen, steckte es in den Karton und erhob sich. In acht Umzugskartons verstaut, stand Hennings Habe ihm zu Füßen. Vorerst wollte er die Sachen in seinem Keller lagern.

Kurz nach zwanzig Uhr drehte Erich den Schlüssel im Schoß seiner Wohungstür. Er holte eine geöffnete Flasche Rotwein aus der Küche und ließ sich mit einem sauberen Glas in den Fernsehsessel fallen. Gegen seine Gewohnheit blieb der Fernseher ausgeschalten. Nachdenklich drehte Erich den Stiel des Weinglases zwischen den Fingerspitzen. Dann ging er zum Schreibtisch. Neben dem Papierkorb stand eine der Umzugskisten. Erich klappte sie auf. Oben lag das Fotoalbum. Er nahm es heraus, legte es beiseite.  Was er suchte, befand sich ganz zu unterst. Endlich fand er die schwarze Mappe. Mit dem Weinglas in der Hand saß er vor der geschlossenen Mappe. Laut und gleichmäßig vernahm er das Ticken der Wanduhr. Er gab sich einen Ruck und klappte den Deckel auf.  Erich las. Ohne den Blick von seiner Lektüre zu wenden, zog er nach einer Weile die untere Schublade des Schreibtisches auf und entnahm ihr einen Block weißen Papiers. Seite für Seite den Inhalt der Mappe umblätternd machte er sich Notizen.  Als er geendet hatte, holte er seine Reiseschreibmaschine aus dem Schlafzimmer. Auch wenn er sie in den letzten Wochen weniger benutzt hatte, so war sie doch genauso staubfrei und sauber, wie alles in seiner Wohnung. Erich nahm den Deckel ab und spannten sorgfältig einen Bogen frischen Papiers ein. Zügig klapperten die Tasten über das Papier. Es war weit nach Mitternacht, als Erich den Deckel wieder auf der Maschine befestigte und sie an ihrem Platz unter seinem Bett verstaute. 

Ungefähr zwei Wochen waren verstrichen, als Erich eines Morgens einen Brief des Schulamtes Gera in seinem Briefkasten fand. Schnell rannte Erich die Treppen bis in den vierten Stock nach oben. Gleich hinter der Wohnungstür riss er hastig den Umschlag auseinander. „Sehr geehrter Herr Henning Kallauch, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können…“ Dann verschwamm alles vor Erichs Augen. Zwei Freudentränen der Erleichterung machten seinen Blick unscharf.  Erich schnäuzte sich, bevor er weiter las. Man freue sich, ihm den Posten des Schulleiters der Käthe-Kollwitz-Schule in Jena zur Verfügung stellen zu können. Und man fühle sich geehrt, einen vom DDR-Regime solchermaßen drangsalierten Lehrer im Kollegium begrüßen zu dürfen. Man lade ihn herzlichst zur baldigen Revision nach Jena ein. Den Test zur Eignung als Schulleiter würde Erich ohne Schwierigkeiten bestehen, das wusste er. Trotzdem machte er sich sofort auf den Weg in die Stadtteilbibliothek. Je früher er begann, die Paragrafen des Schulalltags auswendig zu lernen, desto sicherer blieben sie ihm haften. Er würde wieder Fuß fassen. Endlich!

Wie Erich erwartete, war es fast eine Leichtigkeit, die prüfende Lehrerschaft von seiner Qualifizierung als Rektor zu überzeugen. Mit scharfem Verstand und unbeirrbarer Genauigkeit bestach er. Am Abend reiste er mit dem Intercity nach Berlin zurück – den Vertrag mit dem Schulamt in der Tasche. Er würde seine Wohnung auflösen und alle Brücken in Berlin abbrechen. Ein neues Leben wollte er in Jena beginnen. Frei von den Ketten der Vergangenheit, beschloss er, noch einmal von vorn zu beginnen. Die Mutter fiel ihm ein. Es würde sie nicht schmerzen, den einzig verbliebenen Sohn zu entbehren. Das hatte sie ihm unmissverständlich am Weihnachtsabend im Jahr nach der Maueröffnung klar gemacht. Er sei schuld am Tod des Vaters und Henning laste extra auf seinem Gewissen. Hysterisch war sie geworden: Warum er nicht, wie jeder rechtschaffene Mensch, mit anständiger, ehrlicher Arbeit sein Geld habe verdienen können. Dann hatte sie die Tür aufgerissen, den Arm wie eine Keule Richtung Treppenhaus geschleudert und mit versteinertem Zeigefinger hart hinausgewiesen. „Raus!“, war es eisig leise von ihren Lippen geklirrt. Er hatte etwas sagen wollen, sie am Arm berühren, erklären, doch sie wiederholte nur dieses gefrorene Raus! Da war er gegangen – bereit, niemals wieder zu kommen. Er hatte sich nicht umgesehen, hatte geglaubt, das Gewicht der Haustür unten zum letzten Mal am Oberarm zu spüren. 

Viel war es nicht, womit er nach Jena umzog. Auf Reisen im Staatsdienst verdiente er zwar genügend – aber seine heimliche Leidenschaft war das Wetten. Während der Studienzeit begann es. Ein kleiner Kreis Auserwählter setzte auf alles Mögliche. Kleinigkeiten zu Anfang. Morgens: Die Farbe von Sylvias Kleid, ob sie überhaupt eins trug oder ausnahmsweise doch in Hosen kam;  ob die Temperatur unter 22 Grad sänke; wie viele Autos während einer Zigarettenlänge passierten. Zu Anfang war es harmlos. Um Groschenbeträge ging es. Dann steigerten sie sich auf einstellige Marksbeträge. Zu Ende des Studiums, mit beginnendem Größenwahn, wechselte schon mal ein Fuffi den Mann. Henning war nie mit von der Partie – aber Erich liebte den Spaß mit der harten Zocke. Später dann die Pferde und das Glücksspiel – in den meisten seiner Einsatzländer waren die Bestimmungen nicht so eng. In Ungarn zum Beispiel, versetzte er während eines Pokerabends sein Motorrad. Nach der Wende sprossen auch in Berlin die Spielhallen aus dem Boden. Erich wurde zum Stammkunden. Was ging versetzte er in der Pfandleihe am Potsdamer Platz. 

Die Schulsekretärin hatte ihm ein kleines Appartement in einem Altbau im ehrwürdigen Jenaer Damenviertel besorgt. Schräg gegenüber vom Botanischen Garten. Für den Anfang, sagte sie leicht verlegen am Telefon. Jena sei eine Baustelle. Erich war froh, dass er nur wenige Besitztümer sein eigen nannte, mehr brächte er hier nicht unter. Zwei Zimmer, schräge Wände – alles zusammen nicht mehr als 40 Quadratmeter. 

Am Montag machte er sich gutgelaunt zu Fuß auf den Weg zur Schule. Sie lag unterhalb der Kernberge, die Jena wie eine Schlucht nach allen vier Himmelsrichtungen einkesseln. Es war noch eine dreiviertel Stunde Zeit bis Unterrichtsbeginn, als hinter Erich die eisenbeschlagene Eichentür krachend ins Schloss schlug. Kaum ein Schüler hielt sich zu dieser frühen Stunde im Gebäude auf. Die beiden Fensterhocker weiter vorn waren sicher Fahrschüler, aus einem der umliegenden Dörfer. Auch Lehrer sah Erich keine. Eine Putzfrau ließ gemächlich den Wischmopp über den ausgetretenen Steinstufen kreisen. Auf Erichs schneidiges „Guten Morgen!“, fuhr sie zusammen. Wie es zum Sekretariat ginge, fragte Erich. Nuschelnd zeigte sie nach oben: „Zweiter Stock“ Erich nahm zwei Stufen auf einmal und langte vor der Tür zum Sekretariat ein wenig schnaufend an. Fit-sein ist Alles! – das war Hennings Lebensmotto. Erich nahm sich bereits bei der Abfahrt in Berlin vor, es zu seinem eigenen zu machen. Forsch, ohne anzuklopfen, riss er die Tür zu seinem künftigen Büro auf. Es folgten ein dumpfer Schlag auf Holz und ein fraulich geknurrtes „Scheiße!“ aus der Richtung des Schreibtisches neben einer zweiten, gepolsterten Tür. Da tauchte auch schon der Kopf einer hübschen Frau unter dem Schreibtisch hervor. Sie hielt sich mit der rechten Hand eine Stelle am Hinterkopf.

„Guten Morgen!… Henning Kallauch, mein Name, – ich bin der neue Direktor.“ Das Gesicht der Frau nahm einen unnatürlichen Rot-Ton an – sie  kam um den Schreibtisch herum und streckte ihm die Hand entgegen. „Herr Kallauch, ich bin Isolde Meinhard, die Sekretärin.“ Erichs Blick glitt zum goldberingten Ringfinder ihrer rechten Hand. „Kommen Sie“, forderte ihn die Sekretärin auf und nahm das tragbare Telefon von der Wand. „- Ich zeige ihnen die Schule.“ Sie ging voran. Erich konnte sie betrachten. Er schätzte sie auf Anfang dreißig, blonde lange Locken, nicht groß, ein runder Apfel-Hintern, – eine Frau, die den Beschützerinstinkt im Manne wecken konnte… „Hier im zweiten Stock  sind unsere Grundschulklassen untergebracht“, riss sie ihn aus seinen Überlegungen. Erich räusperte sich. „Sehr schön“, antwortete er. 

„Und in der Mitte befindet sich vorübergehend das Lehrerzimmer… Wir wollen sehen“, fügte sie nach einer winzigen Pause hinzu, „ ob schon einer der Kollegen anwesend ist.“ Sie erzählte vom Mauerschwamm, der sich im eigentlichen Lehrerzimmer ausgebreitet habe, was bei einem solch alten Gebäude nicht weiter verwunderlich sei. Man könne froh sein, dass lediglich zwei Räume im Erdgeschoss betroffen seien und man den Schädling rechtzeitig entdeckte. Unterdessen erreichten sie das Lehrerzimmer. Sie öffnete die Tür. Ein furchtbar verqualmter Raum, in dem milchigweiße Schwaden standen, tat sich auf. Mit einer einladenden Handbewegung ließ sie ihm den Vortritt. Mehrere Tische waren U-förmig zusammengestellt, Tischdecken und Blumenvasen sollten dem Raum vermutlich eine entspanntere Atmosphäre verleihen. Auf jedem Tisch protzten mindestens zwei Aschenbecher. Die Sekretärin öffnete das nächstgelegene Fenster, wobei sie demonstrativ mit der linken Hand vor dem Gesicht wedelte.

„Wissen Sie, Goethe ist bei den Jenaer Naturschützern in Ungnade gefallen.“ – Sie winkte ihn ans Fenster.

 „Was hat er denn angestellt?“, fragte Erich irritiert. 

„Früher waren die Kernberge kahl“, sagte sie lächelnd. „Nackt und hell. Nichts wuchs auf dem kargen Muschelkalk.“ Ihre Hand beschrieb einen ausladenden Bogen, den Horizont entlang. „Vor ungefähr 200 Jahren brachte Goethe von einer seiner Reisen nach Italien eine Schwarzkiefer mit. – Eine einzige nur. Und die vermehrte sich explosionsartig. Sehen Sie!“ Sie zeigte erneut auf die Berge: „Alles grün.“

Da ertönte plötzlich eine laute Stimme hinter Erich:

„Mensch, Kallauch, Du hier?“ 

Erich drehte sich abrupt um. Er sah in ein bebrilltes Gesicht mit dunklen kurzen Haaren. 

„Ich wüsste nicht…“, fing Erich vorsichtig an. 

Da haute ihm der Bebrillte mit der flachen Hand auf den rechten Oberarm. 

„Kennst Du mich nicht mehr?“ Der Fremde machte eine Drehung auf der Stelle. „Ich bin der Meyer.“

Erich dämmerte es noch immer nicht, doch geistesgegenwärtig schlug er dem anderen fast ebenso enthusiastisch auf den Oberarm und sagte: „Na klar, Meyer, wie kommst Du denn hier her?“ 

„Meine Stellenzuweisung, direkt nach dem Studium, führte mich nach Jena.“

Jetzt dämmerte es Erich. Das war sein Studienkollege und Hennings Freund Frank Meyer. Der vom Foto in den Bergen. Erichs Herz begann hart und schmerzhaft zu schlagen. Früher sah Meyer anders aus. Lange Haare, keine Brille, irgendwie dicker war er auch. Was dachte Meyer, welchen der Brüder er vor sich hatte? Meyer legte vertraulich eine Hand auf den Arm der Sekretärin: „Hat unsere Isolde schon versucht, Dich für den NABU anzuwerben?“ Erich holte tief Luft. „Und von ihrem Zorn auf Goethe hat sie Dir sicher auch schon erzählt“, fuhr Meyer schmeichlerisch die Sekretärin umschlingend fort. Unwirsch schüttelte sie seinen Arm ab. In diesem Moment klingelte ihr Telefon. „Ach, Frau Hutschenreuther“, sagte sie erstaunt in den Hörer und ging zwei Schritte abseits. Da sagte Meyer leise: „Ich fand es sehr Schade, dass wir uns aus den Augen verloren haben.“ Erichs Knie begannen zu zittern, er fühlte, wie seine Hände feucht wurden. Mehr als ein einsilbiges „Ja.“ brachte er nicht hervor. Zum Glück erlöste ihn die Sekretärin. „Die Französisch-Lehrerin, Frau Hutschenreuther hat sich für heute krank gemeldet“, sagte sie. „Könnten sie ihre Vertretung übernehmen?“, fuhr sie an Erich gewandt fort.

Ohne Nachzudenken antwortete Erich „Aber sicher. – Wann beginnt ihre erste Stunde?“

„In 10 Minuten… Klasse 5, ich bringe sie hin.“

„Dann bis später.“ Mit Schwung warf Meyer seine Aktentasche auf einen der Tische.

‚Für wen hält der mich bloß?’, dachte Erich nervös und folgte der Sekretärin. Eine Welle von Übelkeit stieg in ihm hoch. Ob Meyer von Hennings Tod wusste? Wie lange dauerte es, bis er alles aufdeckte?

„Dann wünsche ich Ihnen viel Glück“, sagte plötzlich die Sekretärin in seine Überlegungen hinein. Blass und schwitzend betrat Erich die Klasse.

Irgendwie brachte Erich diesen ersten Arbeitstag herum, ohne Meyer noch einmal zu begegnen. Die erkrankte Französischlehrerin hatte einen vollen Stundenplan. Als Erich nach Hause ging, fiel sein Blick auf den Vertretungsplan im Treppenhaus. Meyer befände sich bis Freitag auf Fortbildung, prangte auf einem gelben Notizzettel. Erich musste sich setzen. Wo er stand, ließ er sich auf den kalten Steinstufen nieder. Mit dem Handrücken wischte er sich über die schwitzige Stirn. Diese Galgenfrist ließ ihn etwas freier atmen. Der große Klumpen, der seit dem Morgen pausenlos schmerzhaft in der Magengegend drückte, löste sich etwas. Erichs Haltung sackte leicht ein. Die Anspannung des Tages hatte ihn ungewöhnlich ermüdet. Damals, als er Henning in seinem Zimmer mit den Aufsätzen überraschte, da fühlte er sich ähnlich. Dann war er stundenlang spazieren gegangen. Allein, durch die eisige Nacht. Alleinsein, das war es, was er jetzt brauchte – die nächsten Schritte überdenken. Erich verließ die Schule.

Am Abend schellte es an seiner Wohnungstür. Wer konnte das sein? –  Nicht öffnen. – Vielleicht der Hauswirt? Erich öffnete. „Ich freue mich so, dass Du hier bist!“ Ein strahlender Frank Meyer riss ihn in die Arme. Erich fühlte einen starken Schwindel im Kopf. Bloß keinen Fehler jetzt. „Komm rein“, sagte er matt zu Meyer. „Ich fühle mich nicht so gut.“

„Was ist los?“ – Meyers Gesicht nahm sofort einen mitfühlenden Ausdruck an.

„Nichts.“ Erich winkte ab. Seine Hand zitterte. „Willst Du einen Rotwein?“

Meyer pfiff durch die Zähne. „Oho – früher standest Du nicht auf dieses Zeug.

„Wir werden eben alle reifer“, meinte Erich achselzuckend. Wer bin ich für Dich?

„Klar… Dann gib mir eben einen Rotwein.“ Sein ‚Rotwein’ klang leicht angewidert. „Ne, gib mir lieber gleich eine  Flasche – aus Gläsern schmeckts nicht.“ Erich ging voran in die Küche.

Unaufgefordert ließ sich Meyer am Küchentisch nieder. „Ich habe noch mal nachgedacht“, begann er langsam. Erich schaute ihn aufmerksam an. 

„Damals… im Zelt… es tut mir leid.“

Erich ließ ein unbestimmtes „Hm“ vernehmen. In einem Zelt waren er und Meyer niemals gewesen.

„Ich bereue… Und es vergeht kein Tag, an welchem ich mir nicht ausmale, was hätte geschehen können.“

Wovon sprach er?

„Steht Dein Angebot noch?“

Hatten die beiden ein krummes Ding geplant?

„Ich kann verstehen, wenn Du nichts mehr mit mir zu tun haben willst.“

Sehr richtig!

Meyer stand auf und kam um den Tisch herum. Er blieb vor Erich stehen. Mit beiden Händen strich er langsam an Erichs Armen nach oben. Erich konnte sich nicht rühren. Die Hände erreichten seinen Hals. Erichs Haltung war erstarrt – im Sprung eingefroren. Zärtlich fuhren die Handrücken über seine Wangen. „Mir wird schlecht“, platzte Erich heraus und stürzte ins Bad. Er lehnte sich von innen an die Tür und schnaufte tief. Henning schwul? Nicht möglich! Wieso hatte er nicht bemerkt, dass mit Henning etwas nicht stimmte? … Zugegeben, Hennings Kleidung war für Erichs Geschmack immer etwas zu eng und auch zu sportlich gewesen, und dass er nie Frauenbesuch zu haben schien war auch merkwürdig, aber musste man deswegen gleich vom anderen Ufer sein? Sein Leben hatte auch lange keine Frau gestört, das änderte aber doch nichts an seiner Einstellung zum Weiblichen. 

Von draußen klopfte Meyer gegen die Badezimmertür. „Henning, ist alles in Ordnung?“

Mit einem Mann im Bett – Erich ekelte sich vor seiner gestohlenen Existenz. 

„Henning, was ist los?“

Erich betätigte den Knopf der Toilettenspülung.

„Kann ich Dir helfen? Soll ich einen Arzt holen?

Mein Bruder – in Erichs Kopf kreiste es, er ließ sich an der Badezimmertür nach unten in die Hocke gleiten.

„Henning?“ – Meyer wummerte mit den Fäusten gegen die Tür.

„Es geht schon“, sagte Erich lahm. „Geh nach Hause, wir sehen uns morgen.“

„Ich lass Dich in Deinem Zustand nicht allein!“

Wenn er doch endlich ginge.

Einen letzten Versuch wollte Erich noch wagen, eher er diese unglaubliche Erkenntnis würde akzeptieren müssen: „Ich dachte, Du stehst auf die Meinhard…?“

„Alles nur Schau“, antwortete Meyer mit beruhigender Stimme – „Was meinst Du, was passierte, wenn hier auch nur einer vermutete, dass ich schwul sei? Da könnte ich meinen Job gleich an den Nagel hängen.“

Wie wahr, dachte Erich. Henning, ein Schwuler. Ein Schwuler Lehrer in der DDR. „Geh nach Hause, Meyer, wir sehen uns morgen.“ Kurz drauf fiel leise die Wohnungstür ins Schloss.

Erich saß noch eine Weile im Badezimmer am Boden, ehe er aufstand, seine Jacke vom Hacken nahm und die Wohnung verließ. 

Ziellos lief er durch die Altstadt. Kleine enge Gassen, alte, halbzerfallenen Häuschen, Baustellen an jeder Ecke. Die obligatorischen Döner-Buden teilten sich die ehrwürdigen Patrizierhäuser mit den Studentenkneipen. Ein fußballfeld-großer, mit Waschbetonplatten ausgelegter Platz, über dem ein gigantischer zeitgenössischer runder Turm wachte, der zum Zeiss-Werk gehörte. Erich hatte während der Fahrt gründlich im Reiseführer gelesen.  Die Flanken des Platzes bildeten parkähnliche, teils mannshoch bewaldete Grünanlagen,  unter deren nachgebildeten elektrischen Gaslaternen trotz der Herbstnacht vereinzelte Studentenpärchen auf Holzbänke turtelten.

Unterhalb des Turmes, fast vollständig durch Ebereschenbüsche verdeckt, blitzten Erich sehr vertraute bunte Lichter entgegen. Die blinkenden Lämpchen lockten, zogen ihn magisch an. Erich sträubte sich. Versuchte Abstand zwischen sich und das kokettierenden Licht zu bringen, indes wurde der eher geringer. Unsichtbare Seile ließen Erich unter all dem Blattwerk zielsicher die Eingangstür zur SPIELOTHEK AM MARKT aufstoßen. Er trat in einen spärlich erleuchteten Raum, mit einem unglaublich weichen, den Füßen in den harten Straßenschuhen schmeichelnden Teppich. Rechts und links der Eingangstür verführten zwei Reihen einarmiger Banditen weiter in den Raum hinein. Vor einem seltenen asiatischen YIMSA hockte ein Mann in abgetretenen Schuhen – in Reichweite seines angewinkelten Armes Aschenbecher und Bierflasche. Weiter hinten, vor einer goldgestrichenen Wand, wie auf einem Altar platziert, entdeckte Erich einen alten ROTINA. Die Front war mit hellgelbem Linoleum bezogen. Erich klopfte vorsichtig mit dem Knöchel des rechten Zeigefingers gegen die mintgrün-lackierte Außenwand: dünnes Holz. Bislang hatte er lediglich Bilder dieses Prachtstückes gesehen. Erregt zog Erich sein Kleingeld aus der Hosentasche. Er legte es in das an der Wand eingelassene goldene Schälchen. Dann setzte er sich und warf ein Fünf-Mark-Stück ein. Er zog den altertümlichen Startschalter oberhalb der Symbolfenster. Die Bildchen begannen sich zu drehen. Für das Spielen mit erhöhtem Risiko befanden sich kleine schwarze Kippschalter auf einer mit winzigen Leuchtdioden gespickten Konsole. Maximales Risiko: Erich legte sie alle um. Dann zog er den Stopper. Es gab ein schleifende Geräusch und die Bilderrollen kamen zum Stillstand. Glocke, Pflaume, Glocke.  Neues Spiel…. Erich starrte gespannt auf den Farbfilm der drehenden Symbole. Er ergab ein schmutziges gelb.  Jetzt STOP ziehen… – wieder nichts. 

Es dauerte nicht lange und das alte Schätzchen verlangte nach neuem Futter. Ein weiteres Fünf-Mark-Stück wanderte in den Geldschlitz. Das Glück ward Erich nicht hold. Er zwang sich aufzustehen und verließ den Spielsalon. Draußen sog er tief die frische Nachtluft ein. Wenige Pärchen waren auf den Bänken verblieben. Ohne sie weiter zu beachten ging Erich die kleinen Pfade ab, die ihn an den Bänken vorbei führten. Plötzlich rief eine leise Stimme hinter ihm: „Henning?“ Erich ging weiter. Die Stimme rief eindringlicher. Erich wendete sich um. Das Gesicht dem Licht abgewandt saß dort eine dunkle Gestalt, die eine glimmende Zigarette in der Hand hielt. „Was tust Du hier?“, fragte die Gestalt und nahm die Zigarette an die Lippen. Der Zug brachte das glimmende Ende zum Leuchten – Erich sah in das Gesicht Frank Meyers. „Zu Hause rauche ich nicht“, sagte Meyer entschuldigend und blies den Rauch aus. „Wo kommst Du her?“ Erich antwortete nicht. Er stieß hörbar die Luft aus.

„Hab ich Dich da gerade aus der Spielhalle kommen sehen?“ Meyer zog erneut an der Zigarette. 

„Ja, und?“ fragte Erich gereizt.

Einen Moment sagte Meyer nichts. „Nun“, er stand auf und trat die Zigarette mit dem Absatz aus, „früher hast Du es verachtet, wenn Dein Bruder Zocken ging.“ Dann drehte er sich um und verließ die Grünanlage Richtung Johannistor. Erich schaute der schmalen schwarzen Gestalt eine Weile hinterher. Die harte Kralle des Kopfschmerzes nistete sich oberhalb seines Nackens ein und begann, langsam die Schädeldecke hinaufzukriechen. Erich schloss für einen Moment die Augen. Sein Mund war trocken. Er stöhnte.

Meyer suchte seine Wohnung auf, die in Sichtweite zu jener Parkbank lag. Es war zweiundzwanzig Uhr. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schob einen Stapel Hefte beiseite. Wieso war Henning nur so komisch? Konnte man sich in fast zwanzig Jahren derart verändern? Er schien entgegen seiner früher so vehement vertretenen Ideale zu leben. Dabei hatte er, Frank Meyer, sich so gefreut, als er Henning heute morgen gegenüberstand. Er hatte geglaubt, nun endlich seine Unentschlossenheit von damals wett machen zu können und auf eine – wenn auch heimliche – Zukunft mit Henning gehofft. Meyer schaute blicklos auf seinen Schreibtischkalender. Vor seinem Mathematiker-Auge separierten sich plötzlich ein paar Zahlen: In einem halben Jahr stünde ihre zwanzig-jährige Examens-Feier an. Meyer seufzte. Er zog die oberste Schublade auf und kramte sein privates Telefonbuch hervor. Mit einem Studienkollegen stand Frank in lockerem Telefonkontakt. Das hatte sich eher zufällig ergeben. Götz Bauer, so hieß der Kollege, hatte vor vielen Jahren eine Freundin in Jena und wollte zu ihr ziehen. Da man in der DDR aber nicht einfach umziehen konnte, außer, jemand tauschte mit einem den Wohnort, dachte er an Meyer und bot ihm an zu tauschen. Jena gegen Berlin. Frank hatte lachend abgelehnt. Er sei hier so glücklich, wie niemals zuvor in Berlin. Götz war nicht sauer. Mit der Freundin zerschlug es sich bald –  sie war ihm zu anspruchsvoll. Endlich fand Meyer die Nummer. Er schaute zur Uhr, befand die Zeit für ein solch wichtiges Anliegen angemessen und wählte. Es dauerte eine Weile bis am anderen Ende abgehoben wurde. Ein verschlafener Stimme fragte: „Hallo?“

„Götz, Guten Abend… hier ist Frank Meyer aus Jena“

Im Hintergrund ließ sich undeutlich eine Frauenstimme ausmachen.

„Ist ja gut, Schatz, schlaf weiter…. „ Götz’ Stimme klang wie durch Watte, sicher hielt er die Hand vors Mikrofon. „Einen Moment“, sagte er dann in den Hörer. „Ich gehe ins andere Zimmer.“

„Es tut mir leid, dass ich störe… Soll ich lieber Morgen noch mal anrufen?“

„Quatsch“, knurrte Götz. „Jetzt bin ich wach… Was willst Du Nachteule?“

„Im Juni vor zwanzig Jahren haben wir unser Examen gemacht.“

„Na und?“ Götz gähnte. „Deswegen musst Du mich doch nicht mitten in der Nacht aus dem Bett holen.“

„Das müssen wir feiern! – Was wohl aus den anderen geworden ist?… Die alten Nasen…“

Götz wurde langsam lebendig. „Zwanzig Jahre schon?“ Er pfiff durch den Spalt seiner etwas auseinanderstehenden oberen Schneidezähne.

„Wir müssen die anderen ausfindig machen!“, entgegnete Meyer. „Bei Henning Kallauch können wir uns das sparen, der ist seit heute an meiner Schule.“

Götz gähnte wieder herzhaft. Plötzlich unterbrach er die unüberhörbare Sauerstoffzufuhrübung seines Gehirns und sagte abrupt: „Henning Kallauch? … – Der ist doch tot!“

„Mumpitz!“

„Klar, Mann… der ist von der Mauer gefallen.“

„So ein Humbug!“

„Ich werd’s wohl wissen – Ich war auf der Beerdigung… Das war einen Tag nach der Grenzöffnung… So was vergisst man nicht.“

Meyer fühlte sein Herz schmerzhaft schlagen. 

„Und wer ist dann der Henning…?“ Er nahm den Hörer in die andere Hand.

„Sollte…“, Götz atmete hörbar ein, „…sollte etwa der Bruder sich für Henning ausgeben?“

„Erich?… Der war doch eine STASI- Socke! Den nimmt keiner mehr als Lehrer.“

„Eben!… Drum… Mit einem solchen Lebenslauf macht kein Wendehals mehr eine Mark im Schuldienst.“

Einen Weile schwiegen beide. Dann gab sich Meyer einen Ruck

„Götz… Du hast Recht…. Er hat sich wirklich merkwürdig verhalten…“ Er strich sich entgegengesetzt zum Wuchs über das kurzgeschorene Haar. „Vorhin… da habe ich ihn erwischt, wie er aus der Spielhalle kam…. “ Meyer rückte seine Brille zurecht, seine Stimme wurde leiser, kaum noch wahrnehmbar: „Das ist Erich Kallauch…“ 

Grußlos ließ er den Hörer auf die Gabel gleiten. Dann saß er reglos, sein Atem ging oberflächlich, hektisch. Zwischen den Fingern knetete er die Telefonschnur. 

Nach einer Weile griff Meyer erneut zum Hörer.

Erich war nach Hause und zu Bett gegangen. Morgen wollte er sich weiter mit seinen Problemen befassen – heute ließ sich nichts mehr bewegen. Einmal darüber geschlafen und die Sache erschien heller. In dieser Nacht plagten Erich heftige Träume. Gegen Morgen träumte er von der Verhaftung seines Bruders. Vollkommen realistisch zog das Geschehene an ihm vorbei. Mit einer winzigen Ausnahme: Erich war nur Zuschauer. Er sah sich durch das weihnachtlich geschmückte Berlin laufen – ziellos, mit starrem Blick. Vor einem Schaufenster, durch dessen Auslage eine Modelleisenbahn langsam kreiste, blieb er stehen, betrachtete sein Spiegelbild und begann nach einer Weile ein Zwiegespräch mit seinem Abbild.

„Was soll ich tun?“

„Halt Dich an die Dienstanweisung!“

„Aber er ist mein Bruder.“

„Die Dienstanweisung lautet: Anzeigen des staatsfeindlichen Subjektes!“

„Mein Bruder ist kein Subjekt!“

„Aber staatsfeindlich!“

„Soll ich ihn schützen?“

„Es kommt sowieso raus!“  

„Aber nicht durch mich.“

„Zeig ihn an!“

„Was weißt Du schon.“

„Es ist Deine Pflicht!“

Das Schaufenster spiegelte den Kampf in Erichs Gesicht.

Dann wandte er sich ab und schlug den Weg zur Normannenstraße ein. Als er sich an seinem Dienstschreibtisch das Protokoll über Henning ausfüllen sah, erwachte Erich schweißgebadet. Sein Herz raste und der Schlafanzug klebte am Körper. Erich setzte sich im Bett auf. Der Schwindel, welcher ihn schon am Abend heimgesucht hatte, bemächtigte sich erneut seines Kopfes. Erich presste die Kuppen der Zeigefinger gegen die Schläfen und schloss die Augen. Er zwang sich, tief und gleichmäßig zu atmen. Der Druck und die Drehbewegungen seines Gehirns ließen etwas nach. Erich öffnete die Augen wieder und starrte auf das Fußende seines Bettes. Genauso hatte es sich abgespielt. Am Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages waren dann zwei Herren aus der Normannenstraße erschienen und hatten Henning mitgenommen. Erich saß reglos. Hätte er sich doch nie an die Dienstanweisung gehalten! 

Draußen ratterte eine Straßenbahn, als Punkt sechs Uhr morgens die unbarmherzige Türklingel losbrüllte. Erich schleppte sich im Schlafanzug zur Tür. Er war nicht erstaunt, zwei zivile Kripobeamte dort vorzufinden.

„Erich Kallauch? … Ziehen sie sich etwas über und kommen sie mit!“

From → Kolumnen

30 Kommentare
  1. Guten Morgen Anke.
    Eine gut geschriebene Geschichte.
    Da sieht man wieder dass alles auf einem zurück fällt.
    Was mich irritiert hat war der Satz als zum ersten Mal Frank erwähnt wurde. Ich dachte erst du hättest den Namen Henning mit Frank vertauscht. Ich konnte Frank nicht zuordnen. Vielleicht würde ein kleiner Satz für Abhilfe sorgen.
    LG, Nati

    • Huch! 🙀
      Da muss ich erst mal gucken, was ich da verschusselt habe! 🙀

      • Im Kapitel: 1 III. Eins:
        Als er in den Unterlagen schaute:
        „Es folgten Sozialversicherungsausweis, Impfausweis, Diplom und Schulzeugnisse, eine handvoll Briefe von Studienkollegen und ein wie neu aussehendes schwarzweiß Foto von Franks Freundin aus Uni – Tagen.“

        Da vielleicht einbauen oder erwähnen dass er Hennings Freund war.

      • Henning muss früher in der Geschichte Frank gehiessen haben. Muss ich beim Austausch wohl gleich ein paar mal übersehen haben. Anscheinend kannte ich die Funktion „suchen und ersetzen“ damals noch nicht 😆
        Korrigier ich nachher am Rechner!
        Danke, Nati 😘❤️

      • Nein, nicht ersetzen!
        Erst ganz viel später erfährt man dass es der Freund von Henning ist.
        Am Anfang liest es sich irritierend, da man denkt du hättest Namen vertauscht.
        Deshalb wäre es vielleicht sinnvoll zu erwähnen, in den Abschnitt den ich dir zeigte, dass es der Freund ist.

      • Oh! Nati, du tollste aller aufmerksamen Leserinnen! 😻
        Ok, dann muss da im 1. Kapitel was zur Erklärung rein, das stimmt! 😻👌🏼❤️

      • Über manche Dinge stolpere ich beim Lesen.
        Da sind so Rückmeldungen manchmal hilfreich um eine Geschichte etwas runder zu bekommen. 🙂💕

      • Den ersten Frank (den mit dem Foto der Freundin) habe ich gegen Henning ersetzt. Macht ja durchaus auch Sinn, dass er ein Foto seiner ersten Liebe in der wichtigen Mappe aufbewahrt. Später dann bei den weiteren Fotos vom Basislager steht „Frank Meyer“, der Freund. Taucht der eben künftig später auf 🙂 ❤

      • So würde es auch gehen, ja. 😀👍

      • Sehr gut, wir sind uns einig 😘👌🏼

      • 😊💕🍀

  2. Na dann: fröhlichen Feiertag.
    Die kleine Unklarheit ist mir nicht aufgefallen, die Autokorrektur in meinem Kopf hat das offenbar schnell ausgebügelt, wie bei Lesen von Schreibfehlern springt die Phantasie ein. Ich finde den Krimi eine runde Sache voller klassischer Vorgänge bei Systemwechseln, seit der ersten Geschichte von den gewissen biblischen Brüdern.

  3. Cooler Krimi….. ich dachte erst, dass ich wüsste, wie es weiterginge und wurde perfekt überrascht. 👌💫👌

    • Das freut mich! 😍
      Ist ja schon ziemlich alt. Ich wollte damals so viel wie möglich vom System und dem Leben unterbringen, weil man vergisst so schnell. VEB Narva zum Beispiel hatte ich schon voll nicht mir im Kopf 😎

      • Ich kannte VEB Narva gar nicht erst. Ich hatte keinerlei Verbindung oder Verwandtschaft im Osten.
        Ps: jetzt weiß ich, dass Du nicht nur lustig kannst 😁👌

      • Glühbirnen haben die produziert! 😻
        Alles was elektrisch funzelte bestimmt auch. Polylux, also Projektor, der leuchtet ja auch heftig.

        Ernsthaftes Schreiben liegt mir nicht. Beim Lesen wieder gemerkt 😆
        Bin froh, dass ich irgendwann meinen Weg gefunden hatte 🤩💪🏼❤️

      • Ich finde Dein lustiges Schreiben auch besser… aber die Story war trotzdem 👌 isch mag eh mehr lustisch😍🍀😍

      • 😂❤️👌🏼

      • weisse bescheid, nee

  4. Nicht ganz einfach, aber gut 👍

  5. ich gebe dir ein “gefällt mir” und mir gefällt dein aufwand für deine posts. aber es ist für mich zu viel text. ich habe trotz lesebrille eine sehschwäche. ich braucht eine lupe für diesen text. entschuldige, aber ein interessantes blog.

  6. Kitty permalink

    Mhm, netter kleiner Abtaucher in der Zeit. Trotzdem, ein bisschen viel Klischee für mich als Mittendrinlebende. Wie viel eigenes reales Erleben oder Zweitleben steckt in deiner Geschichte? Mir fehlt auch ein bissche Krimidramatik. Das Ende ist zu vorhersehbar. Aber mutig, dass du dich traust.

  7. Als ich den halben Roman so las, freute ich mich im Nachhinein noch einmal, dass ich nach den Worten von Schabowski nicht wie wild nach Westberlin gestürmt bin, sondern mich in aller Ruhe und Gemütlichkeit ins Bett gelegt habe. Dafür ist mein Sohn losgestürmt und kam mit einer ganzen Handvoll überflüssiger Zeitungen wie die BILD wieder zurück.
    Leute von der Stasi haben es sehr oft geschafft, durch gute Netzwerke auch nach der Wende noch beste Posten zu bekommen – da war ihnen doch ihre frühere Ideologie egal. Ich hatte ja in meiner Oberschulzeit mehrere sehr unangenehme Begegnungen mit ihnen.
    Heutzutage ist zwar auch nicht alles Gold was glänzt, aber der BND scheint mir etwas zahmer als die Stasi zu sein.
    Und tschüss sagt Clara

  8. Hallo Frau Müllerin!
    Der November bringt was besonderes in den Vorgarten:
    https://vorgarten2969157.garden/2020/10/23/lovember-dein-november-2020/
    und du bist HERZlich eingeladen mitzumachen.
    Verlinke es gerne auch an andere Menschen, die ein bisschen SelbstAchtsamkeit, Augenmerk auf die kleinen Wunder und so weiter üben wollen.

  9. Eine berührende Geschichte. Ich schätze, es waren tatsächlich viele Familien, die in der DDR am System zerbrochen sind.

  10. Meeega gut geschrieben!!! Liebe Grüße Corinna

  11. Ein guter Krimi. Originell, dass es mal nicht um einen Mord geht (ist ja bei Krimis eigentlich Standard), und sehr interessante Thematik. Mag ich. Ich weiß, du bist nicht der Fan, aber ich würd gern mehr sowas lesen!

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